Angela Ottmann

BUND Schleswig-Holstein, Projektleiterin „Plastikfrei wird Trend“, Inselgruppe Föhr

>> Müllverschmutzung sollte nicht als normal hingenommen werden. Die Natur ist ein schutzwürdiges Gut. Wenn wir es erhalten möchten, müssen wir uns darum kümmern. <<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Angela Ottmann zu Plastikmüll auf Föhr, Mikroplastik und Müllsammeln zu sagen hat:

Meeresmenschen Talk Angela Ottmann: Eine Insel kämpft gegen den Müll

Wer bist Du und was machst Du?
Ich bin Angela Ottmann und ich bin Projektleiterin unter anderem für das Projekt „Plastikfrei wird Trend“, das wir im Rahmen einer Initiative des BUND geboren haben und gleichzeitig noch Mitarbeiterin des BUND hier auf der Inselgruppe Föhr – Amrum.

In wie fern betrifft Plastikmüll die Inselgruppe Föhr?
Plastikmüll im Meer ist eine ernste Bedrohung, die uns praktisch jeden Tag vor die Füße fällt, sozusagen mit der Ebbe und Flut in den Gezeiten. Wir finden im Spülsaum jeden Tag Müllteile, beginnend von kleinsten Mikroplastikteilen, die sich mittlerweile ja auch vollständig im Meer verbreitet haben, bis hin zu größeren Fragmenten wie Plastiktüten, großen Luftballons und Abfällen aus der Fischerei, vornehmlich Dolly Ropes.

Wie beeinflusst die Tatsache der Vermüllung Dich und Deine Arbeit beim BUND?
Wenn einen das Meer umgibt, wie hier auf Föhr, und ich als Inselkind hier geboren und aufgewachsen bin, dann fängt man natürlich an, sich damit zu beschäftigen. Der BUND Föhr hat sich bereits in den 1980er Jahren mit dem „Dosenschwur“ einen Namen gemacht, da seitdem keine Dose mehr auf der Insel verkauft wird.

Wir haben verschiedene Initiativen oder Ansätze. Uns geht es darum, Verpackungsmüll zu vermeiden, wir müssen hin zum Ressourcenschutz! Wir können nicht unendlich die Erde ausbeuten und gerade bei Verpackungen können wir unglaublich viel sparen. Wir benötigen viel zu viele Verpackungen und wenn wir sie nicht mehr benötigen, dann recyclen wir diese. Alle sagen immer, dass wir Recyclingweltmeister sind. Das sind wir nicht. Wenn, dann müssen wir es werden und Materialien für Verpackung finden, die aus Monomaterialien hergestellt werden und nicht aus so vielen unterschiedlichen Plastik Rohstoffen, sodass sie gar nicht recycelt werden können.

>> Alle sagen immer, dass wir Recyclingweltmeister sind. Das sind wir nicht. Wenn, dann müssen wir es werden und Materialien für Verpackung finden, die aus Monomaterialien hergestellt werden und nicht aus so vielen unterschiedlichen Plastik Rohstoffen, sodass sie gar nicht recycelt werden können. >>

Nach deutschem Recht gilt Müll als recycelt, wenn er ins Ausland verschifft wird. Sowas kann einfach in der heutigen Situation, in der wirklich große Problematiken herrschen, wie eben die Verschmutzung und Ausbeutung, nicht sein. Müllverschmutzung sollte nicht als normal hingenommen werden. Die Natur ist ein schutzwürdiges Gut und wenn wir es erhalten möchten, müssen wir uns darum kümmern.

Woher stammt all dieser Müll, der bei Euch auf der Insel Föhr landet?
Der Großteil des Mülls befindet sich in der Wassersäule und auf dem Meeresgrund. Wenn wir in die Herbstzeit gehen, dann beginnen hier auch die stärkeren Stürme und mit den stärkeren Stürmen wird auch umso mehr Müll angespült, der sich bereits im Meer befunden hat. Von daher haben wir in den Herbstmonaten wesentlich mehr Müllaufkommen an den Stränden. Das heißt aber nicht, dass wir in der Zeit sozusagen mehr Müll produzieren. Der Strand, den wir kartieren ist vor der Öffentlichkeit geschützt. Diese Zone ist ein nicht touristisch genutzter, abgesperrter Schutzbereich am Strand und dort haben wir keinen alltäglichen Müll.

In den Sommermonaten haben wir auf Föhr ein größeres Müllaufkommen. Wir haben hier eine große Anzahl von Touristen, die natürlich auch viel To-Go mitnehmen. Seit der Pandemie hat sich das drastisch verstärkt.  Die Pfandsysteme, die sich bereits etabliert hatten, wurden von jetzt auf gleich in die Tonne getreten, weil jeder Angst hatte sich zu infizieren. Vieles wurde von jetzt auf gleich eingestampft, weil ab da einfach nur noch Panik regierte, und dadurch haben wir natürlich wahnsinnig viel Einwegverpackungen. Fernab davon könnte ich mich mit nichts anderem täglich beschäftigen, als hier auf der Insel medizinische Masken zu sammeln, da diese überall herumliegen.

Welche Art von Müll macht einen weiteren Teil aus?
Das Thema Dolly Ropes ist immer unsere Hauptthema, darüber führen wir eine Statistik. Unsere größten Funde sind einfach diese Scheuerschutzfäden aus der Fischerei. In der Saison 2019/2020 hatten wir bei zwölf Zählungen über 500 Stück von diesen Fäden – und wir finden ja nur einen minimalen Teil davon überhaupt. Es wird immer so von 25 Prozent gesprochen und ich wage zu bezweifeln, ob das tatsächlich so stimmt.

In wie fern gibt es auf Föhr Ansätze mit der Fischerei zu kooperieren bzw. Lösungen zu finden?
Es gibt auf Föhr tatsächlich nur noch einen Krabbenfischer.  Man geht ja immer davon aus: „Ah ja, Nordsee-Insel, da gibt es viel frischen Fisch…“. Dem ist nicht so. Der Krabbenfischer Henning Schulz, der hat sich von Anfang an in das Projekt integriert. Er ist einer der Vorreiter, der gesagt hat: „Wir brauchen diese Scheuerschutznetze unter unseren normalen Netzen überhaupt nicht. Ich kann auch ohne die arbeiten.“  So hat im Rahmen unseres Projektes das Land Schleswig-Holstein und auch Niedersachsen ein weiteres Forschungsprojekt finanziert, wo man versucht, die Netze anders zu konstruieren, dass sie sich nicht abnutzen und man dennoch auf Dolly Ropes verzichten kann. Diese sind nur dazu gemacht, dass sie als Müll im Meer landen, dazu werden sie nun mal hergestellt.

Zudem hat Henning Schulz nach weiteren Möglichkeiten gesucht. Er hat Scheuerschutzfäden genutzt, die man früher einfach aus Naturmaterialien verwendet hat, also Leder, Kautschuk und so weiter. Das ist heutzutage jedoch schwierig in der Umsetzung. Wenn Leder nass wird, ist es eine unglaubliche Geruchsbelästigung. Daher brauchen wir die Praktiker, die Akteure mit an Bord, die auch sagen: „Ja, ok. Mit der und der Idee kann ich mitgehen. Das probieren wir aus!“

Zu den Müllbestandteilen zählt auf Föhr, wie auch an allen anderen Küstengebieten und Inselstränden, das sogenannte Mikroplastik. Kannst Du uns dazu mehr erzählen?
Durch die Zersetzung durch das Salz, durch Reibung und so weiter zerfällt jede Plastikverpackung, Einkaufstüten, Shampoo Flasche … nach und nach immer stärker. Das führt dazu, dass wir mittlerweile sogar in der Antarktis Mikroplastik haben, weil es sich eben auch so leicht verteilt. Der größte Mikroplastik-Hersteller ist aber der Abrieb unserer Autoreifen, was man sich auch erstmal überlegen muss. Warum braucht man denn immer neue Autoreifen? Weil sie sich abreiben, und es verteilt sich eben durchs Meer, durch die Luft, durch alle Elemente.

Dann gibt es natürlich aber auch Mikroplastik, welches als Bestandteil in der Kosmetik hergestellt wird. Das sind Dinge, die wir nicht benötigen! Wir benötigen keine Kunststoffe in unserer Kosmetik. Das ist absolut überflüssig, weil es dafür wunderbare Alternativen gibt. Und wer möchte sich eigentlich Öl ins Gesicht schmieren?

Ja, wenn man sich das wirklich mal so vorstellt. Das Großartige an Plastik ist, dass es zurzeit sehr günstig ist, obwohl wir die Energiekrise haben. Zudem lässt es sich wunderbar verarbeiten. Es ist langlebig, aber genau das sind eben gleichzeitig auch die Probleme. Solange wir keinen Kreislauf dafür entwickeln, wird Plastik als riesige Last zurückbleiben und das ist ja auch schon als riesige Last überall sichtbar.

Auf Föhr gibt es sogenannte „Strandmüllboxen“ – erzähle uns bitte mehr darüber!
Wir haben auf Föhr 16 Strandmüllboxen durch Spendengelder aufstellen können, die sich vornehmlich an der südlichen Küste der Insel befinden, aber auch in verschiedenen Deichabschnitten. Die Resonanz hätte ich mir im Leben nicht erträumt. Nachdem wir 2016 die ersten fünf Boxen aufgestellt hatten, haben wir von den Insulanern und von Gästen so eine positive Resonanz bekommen, weil viele sich dies gewünscht haben oder seit je her angeschwemmtem Müll sammeln. Somit trägt man eben auch dazu bei, solche Themen etwas stärker in die Wahrnehmung der Menschen zu tragen. Und ja, die Resonanz ist großartig, sonst hätten wir bis heute nicht 16 Boxen.

Was kannst Du Bewohner*innen wie Besucher*innen der Insel noch als Tipp geben, wenn Sie bei der Müllbeseitigung mit anpacken wollen?
Jeder kann helfen und ein Teil Plastik mitnehmen und wegwerfen.  Auch wenn wir damit nur einen kleinen Teil wieder zurückführen oder wenigstens in die normale Arbeit des Abfallsystems bringen. Jedes Teil, das zurück geht, ist ein Teil weniger, dass die Meeresumwelt gefährdet.

>>Jeder kann helfen und ein Teil Plastik mitnehmen und wegwerfen. Jedes Teil, das zurück geht, ist ein Teil weniger, dass die Meeresumwelt gefährdet. Und parallel bedeutet es, dass wir uns mit jedem Teil, welches wir aufsammeln, unwillkürlich beschäftigen.>>

Parallel bedeutet es, dass wir uns mit jedem Teil, welches wir aufsammeln, unwillkürlich beschäftigen. Die Sensibilisierung, die wir eben auch mit den verschiedenen Teilprojekten machen, ist die Grundlage dessen, dass sich jeder vielleicht einmal ein Stück weit selbst fragen kann: Was kann ich eigentlich vermeiden, was kann ich verbessern und was ist leicht möglich in meinen Alltag zu integrieren?

ZUM WEITERLESEN:
www.plastikfrei-wird-trend.de
www.bund-foehr.de

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 29.06.2022. Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.