Bert Wecker

Meeresbiologe und Geschäftsführer Förde Garnelen, Kiel

>> Durch diese Art der Produktion versuchen wir die Umwelt zu schützen, weil wir ganz bewusst sagen, wir machen jetzt keinen Raubbau an der Natur, wir nehmen jetzt kein Stück Meer weg oder wir belasten keine Böden, oder holzen keine Mangroven ab, oder wir machen keine mit Netzkäfigfarmen, wo dann Nährstoffe in die Fjorde gepumpt werden, was wiederum zu Problemen führt. <<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Bert Wecker beim Besuch seiner Anlage über Garnelenzucht, Anlagenbau und Aquakultur zu sagen hat:

Meeresmenschen-Talk mit Bert Wecker: Besuch im Unterwasserhochhaus

Seit wann gibt es „Förde Garnele“?
Wir betreiben Förde Garnele seit 2015 als Pilotanlage. Ich komme eigentlich aus dem Anlagenbau und baue weltweit Großaquarien und Aquakulturanlagen, sowie das Equipment für Aquakulturanlagen. Wir haben zum Beispiel das ganze Sealife-Center in Deutschland gebaut oder auch das Aquarium des Zoo Hagenbeck.

Wie viele Garnelen produziert Ihr?
Wir setzen jeden Monat 30.000 Garnelen ein. Dort wachsen sie dann, brauchen mehr Platz und werden nach einem Monat in ein größeres Becken gelassen. Wir haben fünf Becken, jedes hat etwas mehr Platz. Nach fünf Monaten sind sie dann erntefähig. Sie kommen also ganz klein rein und enden als 30 Gramm schwere Garnelen.

Woher kommen die Garnelen?
Eigentlich sind die Garnelen im Pazifik zuhause, der ungefähr einen doppelt so hohen Salzgehalt hat wie die Ostsee. Tatsächlich aber mögen Garnelen den halben Salzgehalt viel lieber und wachsen dort besser. Das ist für viele Seewasserorganismen normal, weil der halbe Salzgehalt im Brackwasser ähnelt dem ihres Blutes, wie bei uns Menschen. Süßwasserfische haben das Problem, dass sie einen höheren Salzgehalt im Blut haben. Deswegen strömt immer von außen Wasser in den Fisch, sie trinken also permanent und müssen das Wasser wieder abgeben. Bei den Spezies die im Pazifik leben, ist der höhere Salzgehalt außerhalb. Da fließt das Wasser den umgekehrten Weg, aus dem Tier heraus und so muss das Tier ständig trinken, was mit einem Energieaufwand verbunden ist. Wir haben hier einen Salzgehalt der ungefähr dem Salzgehalt im Tier entspricht und deswegen haben unsere Tiere einen geringeren Energieaufwand.

Wie versorgt Ihr Eure Anlage mit Energie?
Wir haben hier einen Energiekreislauf. Das Abwasser fließt ja nicht direkt in die Ostsee, sondern wird mit dem restlichen Abwasser der Stadt Kiel in der Kläranlage aufbereitet. Im Klärbecken wird dadurch Klärschlamm erzeugt, der wiederum Klärgas, eine Art Biogas, erzeugt. Daraus wird dann Strom und Wärme erzeugt, die wir nutzen. Das ist eine schöne Form von Energierecycling. Zusätzlich arbeiten wir noch am Stoffrecycling, denn Energierecycling ist ein guter erster Schritt, aber Stoffrecycling wäre natürlich noch besser.

Wie funktioniert Euer Wasserkreislauf?
Wie man sieht, ist das hier sehr klares Wasser, denn das Wasser wird ständig aufbereitet. Das ist eine Kreislaufanlage. Wir pumpen das Wasser ständig im Kreis zwischen den Becken und der Wasseraufbereitung. Diese macht das Wasser klar, damit die Garnelen gute Lebensbedingungen haben. Die Wasseraufbereitung holt den Dreck aus dem Wasser, und der Dreck geht dann als Abwasser ins Klärwerk. Und das Klärwerk arbeitet dann mit dem Dreck weiter.

Wie groß werden die Garnelen?
Also die hier sind etwa in der Mitte angekommen und wiegen so etwas unter zehn Gramm. Die haben noch einen Weg vor sich. Hier sieht man gerade, dass die eine Schale essen. Garnelen häuten sich regelmäßig und das schöne ist, dass sie ihre Schalen wieder aufessen.

Wie werden die Garnelen gefüttert?
Wir füttern die Garnelen alle fünf Minuten und das 24 Stunden am Tag. Alle fünf Minuten schmeißt der Futterautomat das Futter raus und das ist ganz wichtig, damit die Tiere immer was zu essen haben. Wir füttern eine Mischung aus pflanzlichen und marinen Bestandteilen. Da ist Fisch und Krill drin. 60 Prozent ist pflanzlich, im wesentlichen Raps, Weizen und Erbsen. Wir haben ein eigenes Futtermittel entwickelt und seitdem funktioniert es noch einmal um Längen besser. Früher wurde viel Soja eingesetzt, aber jetzt haben wir eigentlich nur noch regionale Produkte. Wir gucken hauptsächlich auf die Qualität der Inhaltsstoffe, weil wir erstmal die Tiergesundheit im Blick haben und optimieren wollen, als darauf, ob sie aus der Region kommen.

Gibt es besondere Schwierigkeiten bei der Garnelenzucht?
Es ist sehr schwierig die Garnelenzucht profitabel zu betreiben. Es sieht zwar sehr dicht aus, aber im Vergleich zu Fisch sind die Haltungsdichten von Garnelen sehr gering. Wir haben sehr viel Equipment für verhältnismäßig wenig Biomasse und das sorgt für sehr hohe Produktionskosten. Deswegen kostet das Kilo Garnelen auch 50 Euro beim Verkauf.

Ansonsten sind Garnelen auch eine Herausforderung, weil es ein Flächenorganismus ist, im Gegenteil zum Fisch, der sich im Schwarm wohl fühlt und das Wasservolumen sehr gut ausnutzt. Wir mussten erst einmal lernen, wie wir die Garnelen ins Volumen kriegen. Sie schwimmen zwar herum, aber sie brauchen auch ihre Ruhe und für ihre Ruhe brauchen sie Fläche. Deswegen haben wir Unterwasserhochhäuser entwickelt, wir nennen sie auch künstliche Mangroven. Das ist so ein bisschen das Großstadtprinzip: Viele Menschen, wenig Platz. Wir machen das jetzt so seit vier Jahren, und seitdem läuft die Anlage um vieles besser.

Es gibt keine Garnelenart, die mehr produziert wird als diese, also vier Millionen Tonnen weltweit. Ich mache viel Beratung weltweit und habe dieses Unterwasserhochhaussystem noch nie so gesehen. Wobei ich jetzt nicht direkt sagen würde, dass das direkt eine Erfindung von uns ist. Es gibt Plattfischarten, wo solche Systeme zum Teil eingesetzt werden, zum Beispiel in der Heilbutt-Industrie in Norwegen. Dann haben wir überlegt; Warum sollten wir das nicht mal bei Garnelen probieren? Und siehe da: Es hat super funktioniert.

Könnte man Mangroven mit in die Becken einbringen?
Eine Mangrove hat im Prinzip die gleiche Funktion als Schutzraum und Flächenerweiterung, wie ein Unterwasserhochhaus. Die Mangrove, genauer gesagt, ihr Wurzelwerk,  ist dabei eher abstrakt, während das Hochhaus geordnet ist. Deshalb bevorzugen wie eher letzteres. Außerdem funktionieren Mangroven nur im Geflecht, den das Holz schwimmt sehr leicht und wir wollen natürlich auch keine Mangroven zerstören.

Es geht immer darum ein System zu haben, was für die Garnele funktioniert und gleichzeitig im Produktionsablauf realisierbar ist. Diese Strukturen sehen immer sehr einfach aus, aber der Teufel liegt im Detail. Wenn man zum Beispiel die Wasserströmung nicht im Blick hat oder das Design der Einbauten, dann kann es sein, dass es zu bakteriellen Verunreinigungen kommt. Das ist ja eine Besiedelungsoberfläche für Bakterien und das kann massive Probleme für die Garnelen haben. Viele Betriebe wollen das nachmachen, doch wir raten davon ab, denn wenn nur ein Puzzleteil nicht passt, hat man mit einer oberflächlich guten Sache nur Nachteile.

Kann man Garnelen auch im Binnenland züchten?
Wir sind Anlagenbauer und haben das eigentlich schon vor 20 Jahren diese Technologie, dass man mit künstlichem Meerwasser arbeitet, ein bisschen auf die Straße gebracht. Das macht man im Aquariumsbereich schon seit 40 oder 50 Jahren erfolgreich. Deswegen haben wir da sehr viel Expertise und wenn wir solche Anlagen ins Binnenland bauen, dann ist das auch mit künstlichem Meerwasser, so wie in Bayern die Farm. Das ist dann etwas aufwändiger und noch teurer, als das was wir machen. Von daher haben wir hier einen Standortvorteil, aber wir könnten das auch mit künstlichem Meerwasser machen.

Die Anlage in München ist eigentlich eine schöne Anlage, weil die mit dem Münchner Umfeld weit weg vom Meer natürlich punkten können. Die haben einen starke Marke aufgebaut und das ist schon eine feine Sache. Die machen auch ein bisschen mehr als Garnele und haben eine Sea Food Handel dazu. Also das macht schon Sinn.

Was ist der Vorteil von Anlagen wie Eurer?
Diese Technologie haben wir vor 20 Jahren eben speziell mit dem Gedanken an die komplette Standortunabhängigkeit entwickelt. Man ist nicht mehr von einem Zugang zum Meer, wie hier, abhängig, sondern man kann es auch in Tokio im zehnten Stock oder in der Sahara oder mitten in die Schweiz bauen.

Foto © Barbara Dombrowski

Das macht extrem viel Sinn, denn die Problematik ist ja, dass wir sagen, dass wir uns von der Umwelt entkoppeln. Durch diese Art der Produktion versuchen wir die Umwelt zu schützen, weil wir ganz bewusst sagen, wir machen jetzt keinen Raubbau an der Natur, wir nehmen jetzt kein Stück Meer weg oder wir belasten keine Böden, oder holzen keine Mangroven ab, oder wir machen keine mit Netzkäfigfarmen, wo dann Nährstoffe in die Fjorde gepumpt werden, was wiederum zu Problemen führt.

Benutzt Ihr Antibiotika?
Antibiotika braucht man im Prinzip bei einer schlechten Haltungsumwelt. Das Tier hat eine schlechte Haltungsumwelt, kommt damit nicht klar und wird krank und bekommt eine bakterielle Infektion. Antibiotika bekämpft diese bakterielle Infektion. Dann ist die Infektion weg, aber die Ursache des Problems ist immer noch da. Das heißt sie kommt sofort wieder, man kann es machen oder lassen. Antibiotika haben keinen nachhaltigen Effekt, was wiederum dazu führt, dass es schon prophylaktisch eingesetzt wird, als Dauerzustand.

Das ist ein wichtiger Punkt, ich sage immer: „Wir schützten die Umwelt, aber wir sind auch vor der Umwelt geschützt“. Man muss sich ja fragen, warum der asiatische Shrimp-Farmer so viel Antibiotikum einsetzen muss. Das hängt mit seinem Teich zusammen. Durch die Klimaveränderung haben wir zum Beispiel Dürreperioden und Hitzewellen. Dadurch wird der Teich sehr warm und das kann er nicht kontrollieren. Wir haben hier eine klimatisierte Halle und klimatisiertes Wasser. Ich kann hier alles kontrollieren, er kann es nicht. Er weiß auch, dass seine Garnelen wegen der hohen Temperatur krank werden, aber er kann nichts dagegen tun. Die einzige Stellschraube, die er hat, ist Antibiotikum. Das ist seine Reaktion auf den Klimawandel am Ende des Tages.

Ich sage immer: Wir schützen die Umwelt, indem wir uns von ihr entkoppeln. Wir sind aber auch vor der Umwelt geschützt. Das ist ja heute fast noch wichtiger.

Wie genau entkoppelt Ihr Euch von der Umwelt?
Diese Entkoppelung von der Umwelt erreichen wir mit Energie. Da gibt es zwei Punkte. Der erste Punkt ist Wärme. Wir nutzen die Abwärme der Verbrennung aus der Biogasanlage der Stadt Kiel. Dadurch senken wir den Energieverbrauch der Stadt Kiel, denn sie müssen die Kälteanlage nicht betreiben und machen aus der Abwärme ein sinnvolles Produkt, was nachgefragt wird.

Strom ist der zweite Punkt. Wir haben einen hohen Strombedarf für die Wasseraufbereitung. Auf die Aussage Robert Habecks im ersten Strategie-Papiers Schleswig-Holsteins vor circa zehn Jahren hin, diese Anlagen seien schlecht, weil sie Strom verbrauchen, haben wir erst einmal erklärt, wofür dieser Strombedarf eigentlich da ist.

Die Tiere brauchen zum Wachsen keinen Strom. Den Strom setze ich nur aus einem Grund ein, nämlich dafür, dass ich die Umwelt schütze. Mit diesem Strom schützen wir die Umwelt, weil wir das Wasser recyceln. Jetzt haben wir ja die Situation, gerade in Schleswig-Holstein, dass wir nur grünen Strom einsetzen. Unser Strom kommt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Da muss keiner ein schlechtes Gewissen haben. Also wir schützen mit dem Strom die Umwelt und nutzen dabei auch noch Abwärme aber keine fossilen Brennstoffe.

Weißt Du wieviel CO2 Eure Anlage produziert?
Der größte CO2-Abdruck kommt bei diesen Anlagen schon aus dem Baukörper, da bin ich mir ziemlich sicher. Das ist so ein bisschen dieselbe Problematik wie bei den Elektroautos. Wenn man ihre Produktion außen vorlässt, schneiden sie gut ab. Aber wenn ich die Produktion mitberücksichtige, dann sieht die Welt ganz anders aus. Für solche Anlagen wurde das ehrlich gesagt aber auch noch nie sauber kalkuliert.

Sollten wir auch noch in Zukunft Meeresfrüchte essen?
Wenn wir Seafood in Zukunft essen wollen. Es kann auch sein, dass wir es uns aus Nachhaltigkeitsgründen nicht mehr leisten können, dann essen wir halt kein Seafood mehr, das könnte sein.

Wenn es darum geht, mit möglichst wenig Ressourcen tierischen Eiweiß zu erzeugen, kommt nichts an Seafood ran. Rinder, Schweine, selbst Hühner, brauchen mehr Futter für ein Kilogramm Zuwachs. Das hat zwei einfache Gründe.

Der eine ist, dass Seafood wechselwarme Organismen sind, dadurch müssen sie, im Gegensatz zu uns, keine Energie darauf verwenden, ihre Körpertemperatur zu halten. Sie passen einfach ihre Körpertemperatur an und sparen so eine Menge Energie. Sie passen ihre Körpertemperatur einfach an und sparen so eine Menge Energie.

Der zweite Grund ist, dass sie unter Wasser leben, quasi im schwerelosen Raum. Sie sind also nicht der Schwerkraft ausgesetzt. Wir verwenden ja viel Energie dabei, uns einfach der Schwerkraft entgegen zu stellen, was hier komplett wegfällt.

Diese beiden biologischen Effekte sorgen dafür, dass zum Beispiel im Lachsbereich mit einem Kilo Futter ein Kilo Lachs produziert wird. Mit den Garnelen sind wir bei 1,5. Da gibt es bessere Arten, aber dafür ist die Sterblichkeit durch Kannibalismus schon mit eingerechnet.

Von daher ist es extrem gut, Seafood in Aquakulturen zu produzieren, wenn man über Nachhaltigkeit nachdenkt. Wenn wir schon über tierisches Eiweiß reden, es geht natürlich auch ohne. Aber wenn schon tierisches Eiweiß, dann ist Fisch mit Sicherheit das beste Eiweiß.

Kann nachhaltige Aquakultur zur Ernährungssicherheit der Menschen beitragen?
Also es wird nur über Aquakulturen laufen. Die Frage ist wie man die Aquakulturen der Zukunft gestaltet. Die Futterverwertung ist ein sehr starkes Pro für die Aquakultur, da kommen eigentlich nur noch Insekten mit. Insektenprotein wird mal das nächste heiße Thema. Es gibt da verschiedene Aspekte. Wenn man mal in Stoffkreisläufen denkt, dann bieten Insekten die Möglichkeit, Stoffkreisläufe zu schließen, was wir sonst nicht hätten. Wir können ein Schwein nicht nur mit Abfall füttern, bei Insekten ist das ohne Probleme möglich. Da liegt der Vorteil, meiner Meinung nach.

Lange Zeit war das ja gar nicht erlaubt, dass man irgendwelche Reststoffe in der Nutztierhaltung verwendet. Sodass die Insekten mit teureren Produkten, wie zum Beispiel Weizen, gefüttert worden sind, was ja überhaupt keinen Sinn macht. Der Charme liegt wirklich darin, ein relativ hochwertiges tierisches Eiweiß mit Reststoffen zu erzeugen, die heute im besten Fall kompostiert oder verbrannt werden. Dieses Eiweiß können wir selber essen oder wir füttern damit zum Beispiel Garnelen, sodass man dann kein Fischmehl mehr braucht. Insektenprotein ist genauso gut wie Fischmehl, nur ist letzteres derzeit günstiger.

WEITERLESEN:
www.foerde-garnelen.de

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 19.05.2021. Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.