Hans-Ulrich Rösner

Leiter des WWF-Wattenmeer Büros, Husum

>> Ohne Unterstützung der Öffentlichkeit hätten wir heute kein geschütztes Wattenmeer. Auch in der Zukunft können wir diesen Schutz nur weiterentwickeln und erhalten, wenn die Menschen davon wissen, mitziehen und uns unterstützen. <<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Hans-Ulrich Rösner zur Bedeutung des Wattenmeers, den Auswirkungen des Klimawandels und der Rolle der Öffentlichkeit zu sagen hat:

Meeresmenschen Talk mit Hans-Ulrich Rösner: Der Beschützer des Schutzgebietes

Bitte stell Dich doch zunächst einmal vor. Wer bist Du und was machst Du?

Mein Name ist Hans-Ulrich Rösner und ich leite für den WWF das Wattenmeerbüro in Husum und damit die Arbeit des WWF für den Schutz des Wattenmeeres.

Warum engagiert sich der WWF für das Wattenmeer?
Dass der WWF sich seit 1977 für das Wattenmeer so stark engagiert , liegt daran, dass das Wattenmeer in Deutschland im internationalen Kontext das bedeutendste Naturgebiet ist. Also natürlich nicht nur in Deutschland allein, ein Teil des Wattenmeers gehört auch zu Dänemark und den Niederlanden, es ist also ein zu drei Staaten gehörender Lebensraum an der südlichen Nordseeküste.

Dieser Lebensraum besteht allein aus 4 500 Quadratkilometern Wattflächen, also Gebieten von denen zweimal täglich das Wasser abläuft, der Meeresboden frei fällt und damit für die unzähligen Vögel aus einem großen Teil der Arktis zur Verfügung steht, die auf ihrem Zugweg auf das Wattenmeer angewiesen sind, um zu rasten, zu fressen, zu mausern und zu brüten.

Hier haben wir aber riesige, zusammenhängende Wattflächen, die eine riesige Grundlage für über zehn Millionen Wat- und Wasservögel schaffen, die auf diesen Raum angewiesen sind.

Was ist das Besondere am Wattenmeer?
Unser Wattenmeer ist das größte zusammenhängende Wattengebiet der Welt. Zusammenhängend in dem Sinne, dass es hier Wattflächen gibt, wie sie andernorts natürlich auch in Flussmündungen vorkommen können oder in Buchten oder an den Enden von norwegischen Fjorden, wo es auch immer kleine Wattgebiete mit Wattwürmern gibt, aber hier haben wir riesige, zusammenhängende Wattflächen, die Grundlage für über zehn Millionen Wat- und Wasservögel schaffen, die auf diesen Raum angewiesen sind. Also Vögel wie Enten, Gänse, Möwen, Seeschwalben, Reiher, vor allem aber Watvögel, also sogenannte Limikolen, wie Alpenstrandläufer, Knutt, Austernfischer und Sandregenpfeifer. Viele Menschen kennen diese Vögel gar nicht, weil sie eben nur in diesen speziellen Lebensräumen, also Feuchtgebieten wie dem Wattenmeer, vorkommen.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf das Wattenmeer?
Das Wattenmeer ist zunächst einmal negativ vom menschgemachten Klimawandel betroffen. Es besteht die ganz große Gefahr, dass durch die Beschleunigung des Meeresspiegelanstieges der Meeresspiegel so stark steigt, dass das Wattenmeer weg erodiert, dass es dauerhaft überflutet wird. Dann ist es einfach nicht mehr da. Dann ist es auch kein Schutz mehr vor den Deichen, den Deichen, hinter denen Menschen leben, denn das Wattenmeer bricht ja auch die Wellen vor den Deichen.

Hier drohen sehr große Gefahren in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten erst Recht. Deshalb müssen wir den Klimawandel und den Meeresspiegelanstieg stoppen. Aber auch wenn wir die Pariser Klimaziele einhalten, die 1,5 Grad – Schwelle nicht überschreiten, wird es trotzdem auch durch den bereits ausgelösten Meeresspiegelanstieg noch sehr große Probleme für das Wattenmeer geben.

Das heißt, wir müssen auch mit Maßnahmen zur Klimaanpassung versuchen, das Wattenmeer zu schützen. Das reicht vom Deichbau, für den Schutz der Menschen dahinter, bis hin zum besseren Sediment-Management, um zu erreichen, dass das Wattenmeer und die Halligen mit dem Meeresspiegel mit in die Höhe wachsen.

Das Wattenmeer ist zunächst einmal negativ vom menschgemachten Klimawandel betroffen. Es besteht die ganz große Gefahr, dass durch die Beschleunigung des Meeresspiegelanstieges der Meeresspiegel so stark steigt, dass das Wattenmeer weg erodiert, dass es dauerhaft überfluten wird. Dann ist es einfach nicht mehr da.

Zudem sollte man auch den Aspekt „Blue Carbon“* bedenken: Das Wattenmeer enthält auch 400 Quadratkilometer Salzwiesen, die Kohlenstoff binden. Diese tragen mit dazu bei, zwar nicht in dem Ausmaß wie intakte Moore, dass Kohlenstoff einigermaßen dauerhaft gebunden wird.

*(Anm. d. Redaktion: Blue Carbon meint Kohlenstoffdioxid, den Meere und küstennahe Ökosysteme speichern)

Wie funktioniert der Schutz des Wattenmeers?
Die drei Wattenmeerstaaten, unterstützt von den großen Umweltverbänden, haben vor schon vielen Jahren entschieden, dass das oberste Ziel des Wattenmeerschutzes ist, dass sich die Natur im Wattenmeer so natürlich wie möglich entwickeln soll. Also ohne dass wir Menschen versuchen, jede Kleinigkeit zu managen und zu beeinflussen, sondern das Wattenmeer soll sich möglichst selbst entwickeln können. Das ist das Leitprinzip des Wattenmeerschutzes und das gilt für alle drei Wattenmeerstaaten.

Das wird bei uns so umgesetzt, dass Deutschland seine Wattenmeergebiete in den drei Bundesländern, die Anteile am Wattenmeer haben, nämlich Schleswig-Holstein, Hamburg, und Niedersachsen, zu Nationalparks erklärt hat.

Welche Rolle spielt der WWF beim Wattenmeerschutz?
Für uns als WWF war es sehr wichtig, dass sich die drei Staaten entschlossen hatten, im Wattenmeerschutz zusammenarbeiten. Dafür hatten wir uns eingesetzt, – da dies die Grundlage für vieles Weitere schafft.

Auch die Ausweisungen des Wattenmeeres als Schutzgebiet, also in Deutschland als Nationalparke, daran haben wir mitgewirkt.

Aber ein Schutzgebiet ist, wenn es als dieses ausgewiesen wird, selten schon fertig.  Beim Schutz gibt es viele Unzulänglichkeiten. Das heißt, seit das Wattenmeer Nationalpark wurde, ist der WWF bemüht, diesen Nationalparken zu helfen, konsequenter und glaubwürdiger beim Naturschutz zu sein. Ein Beispiel ist die Fischerei, da es keinen Nationalpark geben kann, wenn 100 Prozent der befischbaren Fläche befischt wird. Da muss man Lösungen finden, auch gemeinsam mit den Fischern, damit man das Wattenmeer schützen kann vor zu viel Nutzung.

Das wichtigste Thema ist jedoch für uns heute, wie man das Wattenmeer auf den Klimawandel und den Meeresspiegelanstieg vorbereiten kann. Also heute schon Pilotprojekte zu beginnen, die zeigen, wie man Klimaanpassung betreiben kann. Auch die Lösungsfindung im Umgang mit alten und neuen Energien ist für uns eine Herausforderung. Wir brauchen eindeutig mehr Windräder, natürlich nicht im Wattenmeer, aber in seiner Umgebung. Das ist wichtig.

Ebenso müssen wir uns darum kümmern, dass alte Energien, wie eine Ölförderung,  -die in Schleswig-Holstein an einer Stelle mitten im Wattenmeer stattfindet, oder die Gasförderung die im  niederländischen Wattenmeer immer wieder begonnen wird, ausläuft und beendet wird und die ganzen Installationen abgebaut werden.

Ohne Unterstützung der Öffentlichkeit hätten wir heute kein geschütztes Wattenmeer. Auch in der Zukunft können wir diesen Schutz nur weiterentwickeln und erhalten, wenn die Menschen davon wissen, mitziehen und uns unterstützen.

Welche Projekte in Sachen Klimaanpassung verfolgt der WFF konkret?
Wir versuchen z. B.  gemeinsam mit den Halligen Wege zu finden, wie die Halligen mit dem Meeresspiegel mitwachsen können. Hier in St. Peter-Ording haben wir ein ganz großes Projekt mit Unterstützung des Bundessregierung am Laufen. Gemeinsam mit den Universitäten aus Braunschweig und Kiel arbeiten wir dabei zum einen an der Renaturierung der Dünen, und andererseits beobachten wir, wie sich die große Sandbank vor Sankt Peter-Ording entwickelt, wie sich die Dünen als Schutzdünen entwickeln und was man hier zukünftig eventuell tun muss und kann, damit hier Klimaanpassungen stattfinden. Maßnahmen, die sowohl den Schutz der Menschen, aber ebenso auch den Schutz der Natur berücksichtigen.

Welche Rolle spielt die breite Öffentlichkeit beim Schutz des Wattenmeers?
Ohne Unterstützung der Öffentlichkeit, hätten wir heute kein geschütztes Wattenmeer. Auch in der Zukunft können wir diesen Schutz nur weiterentwickeln und erhalten, wenn die Menschen davon wissen, mitziehen und uns unterstützen.

Da tun wir eine ganze Menge für, nicht nur als WWF, sondern auch viele andere Naturschutzorganisationen und die Nationalparkverwaltungen sind da ganz aktiv. Es gibt in der gesamten Wattenmeer-Region von Dänemark bis zu den Niederlanden z.B. rund 60 Informationszentren. Die müssen alle unterhalten, gebaut und besetzt werden.

Die wichtigste Form der Öffentlichkeitsarbeit sind vermutlich die Wattführungen für Schulgruppen und Besucher*innen. Allein hier in Schleswig-Holstein gibt es 8 000 bis 9 000 Wattführungen jedes Jahr. Menschen, die vielleicht sonst wenige Berührungspunkte mit der Natur haben, können dort Wattwürmer anfassen, Muscheln im Boden entdecken, Vögel beobachten, die auf der Wattoberfläche nach Nahrung suchen… Das sind ganz wichtige Erlebnisse im Urlaub. Und das führt letztendlich dazu, dass wir beim Schutz des Wattenmeers die Unterstützung in der Öffentlichkeit finden, und wie ich glaube, heute auch haben.

WEITERLESEN:
https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/wattenmeer

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 17.09.2021.  Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.