Tim Staufenberger, Kristina Hartwig und Nikolai Nissen

Geschäftsführung Kieler Meeresfarm, Kiel

>> Einem Biologen ist es recht nahe zu sagen, wir wollen eine nachhaltige Aquakultur machen und dann auch den Nutzen der Meere so gestalten, dass man nichts kaputt macht, sondern den natürlichen Kreislauf nutzt. Und da sind Muscheln und Algen sofort die Sachen, die man machen kann. Denn beide müssen nicht gedüngt werden, die werden nicht gefüttert. Die kommen natürlich in der Ostsee vor. Und wenn wir einfach was nutzen, was wir abernten, dann holen wir sogar Nährstoffe raus, die sie im Laufe ihres Lebens angesammelt haben. <<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Tim, Kristina und Nikolai zu Muschelzucht in der Förde, multitropher Aquakultur und zu Vergangenheit und Zukunft der Meeresfarm zu sagen haben:

Meeresmenschen-Talk mit Dr. Tim Staufenberger und Kristina Hartwig: Eine alte Tradition nachhaltig neu belebt

Foto © Barbara Dombrowski

Wer seid Ihr und was macht Ihr?
Tim Staufenberger:
Wir sind die Kieler Meeresfarm. Angefangen haben wir als Projekt der deutschen Bundesstiftung Umwelt. Die haben damals eine Förderung gemacht für Aquakultur, und zwar um nachhaltige Aquakultur in der Ostsee zu machen. Unser Projekt hieß damals EBAMA „Extractive Baltic Sea Aquakultur of Algae and Mussles“, EBAMA. Findet man auch den Abschlussbericht, kann man alles nachlesen.

Was ist Dein Hintergrund, Tim? Wie bist Du zur Meeresfarm gekommen?
Tim Staufenberger:
Ich hab ursprünglich Biologie studiert. Ich komme eigentlich gebürtig aus Süddeutschland, hab dort schon immer im Garten rumgewerkelt. Dann hat der Papa gesagt, der Junge muss Biologe werden. Ich glaube Gärtner wäre viel besser gewesen, aber dann kann eben der Biologe.

Und dann habe ich zu tauchen angefangen, weil mein Papa auch ein großer Fan von Wasser ist und dann war klar, ich mach hier was mit Meer. Ich dachte so Wale tätscheln, Delfine Gassi führen und so was. Und hab dann geguckt, wo kann man das machen. Mir ist gar nicht in den Sinn gekommen in den Süden runterzugehen, sondern bin nach Kiel gekommen und hab dann hier Meereskunde studiert.

Damals gab es zwei Orte, wo man das machen konnte: Kiel und Hamburg. Heute gibt’s so drei, vier Orte. Nach Kiel zu gehen war gut. In Kiel habe ich angefangen Bio-Grundstudium zu machen und habe Meereskunde als Hauptfach gewählt. Nachdem ich das Grundstudium und das Diplom hatte, habe ich den Doktor gemacht in mariner Mikrobiologie und hab mir den Abbau von verschiedene Krebsschalen im Meer angeschaut.

Ich wollte auch gerne was Praktisches machen. Man kennt das, wenn man seinen kleinen Krebs, seine Garnele mampft, dann hat die ne Schale, die wird runtergenommen. Das gibt tonnenweise Abfall. Da wollte ich was Gutes machen und schauen, wie man das verwenden kann. Wurde nie was draus. Ich habe Enzyme gefunden, die das super können, aber alles viel zu teuer und wird halt immer noch so gemacht.

Am Ende meiner Doktorarbeit kam dann das Projekt dazu, weil ich gesagt habe, ich muss was „hands on“ machen und dabei sein und habe dann hier bei den Nachbarn am Tiessenkai, die das Projekt gerade am Start hatten, angefangen. Die haben jemanden gesucht, der nur als Hilfswissenschaftler da ist, Leinen rausnimmt, Deck schrubbt und noch ein bisschen weiß, wie alles funktioniert, weil Probennahmen eben auch dabei sind. So habe ich als Praktikant angefangen. Die haben gesehen, jo, der kann ja bisschen was. Und dann bin ich mit ein paar Stunden als Unterstützung der Doktorandin ins Team reingekommen. Als die Doktorandin dann meinte, sie macht auch was anderes, um sich die wissenschaftlichen Hörner abzustoßen, habe ich die Aquaculture-Manager Position angeboten bekommen.

Und Du Kristina? Was ist Dein Hintergrund?
Kristina Hartwig:
Irgendwann bin ich mal zur Taucherei gekommen, habe Kurse belegt und bin zur Tauchlehrerin fortgeschritten. Darüber habe ich Tim kennengelernt, der mich mit ausgebildet hat. Wir haben dann hinterher zusammen Tauchkurse gegeben, das heißt wir kennen uns also schon seit 25 Jahren, oder was. Im Rahmen dieser ganzen Tauchlehrerkiste musste ich einen Erste-Hilfe-Kurs machen und habe mich zu der Zeit für einen Schwestern-Helfer*innen Kurs entschieden. So bin ich irgendwie am Städtischen Krankenhaus gelandet, dachte, ich muss jetzt beruflich mal in die Gänge kommen und habe dann eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester gemacht. Die hat mir auch viel Freude bereitet, aber die reichte vom Kopf einfach nicht. Also die Vorstellung, das wars jetzt, womit ich meinen Kopf beschäftigen muss, bis an mein Lebensende.

Ich hab dann relativ zügig im Anschluss soziale Arbeit und Gesundheit studiert, bin jetzt also auch noch Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin und habe diverse Zusatzausbildungen oben drauf gemacht und habe seit 2014 in der Betrieblichen Sozialarbeit gearbeitet und also Mitarbeiterinnen und Führungskräfteberatungen gemacht, Organisationsentwicklung, Teamentwicklung, Coachings, Trainings. Dann habe ich beschlossen, damit mache ich mich selbstständig, bin also freiberufliche Beraterin seit ungefähr 12 Jahren.

Ich hatte immer Kontakt zu Tim, weil wir ja auch befreundet sind und habe dadurch mitgekriegt, wie Tim sich entwickelt. Ich hatte auch immer Spaß am Wasser, bin zum Beispiel mit meinem Vater lange gesegelt. Also war irgendwie klar, Wasser muss schon mitmachen. Ich wusste, dass Tim irgendwann Hilfe braucht, und hab gesagt, pass auf, wenn ihr Erntehelfer braucht, komm ich mit, ihr braucht mich auch nicht zu bezahlen. Ist alles fein. Ich hab da einfach Spaß dran. So habe ich die ersten Schritte auf der Meeresfarm gemacht. Mit Niko zusammen, der war ja schon da.

In der ersten Saison war ich nur Erntehelferin. Es ging aber weiter, dann hatte ich einen Minijob und habe mich um Büro und solche Dinge gekümmert, und dann war aber auch relativ zügig klar, dass sich die Firma nochmal transformieren möchte und auch transformieren muss. Dadurch, dass ich die ganzen Organisationsentwicklungsvorkenntnisse hatte und auch das systemische Know-How hatte, passte das wunderbar. Ich mache hier so ein bisschen den Spagat. Ich bin diejenige, die als bisschen mehr als Deckshand Niko draußen auf der Farm zur Hand geht, die in der Marina mitarbeitet. Die Schnittstelle zu Tim, der sich mehr um Forschung hier kümmert ist, dass ich die organisatorischen Abläufe mitmachen, genauso wie das operative. Im Grunde habe ich das Große und Ganze der Firma im Blick. Zu gucken, wo sind die Strategien? Wo wollen wir hin? Was ist hier zu tun? Wie fügen wir unsere personellen und auch finanziellen Ressourcen zusammen, damit es für alle gut funktioniert?

Irgendwann war klar, dass wir in diesem Dreiergespann gut zusammenarbeiten können und auch wollen. Unsere Firma hat ja doch eine sehr eigenwillige Kultur, oder eine kreative Kultur. Es funktioniert gut für uns alle drei und so haben wir beschlossen, dass wir gemeinsam nochmal neu gründen, damit wir dann einfach dieselben Startbedingungen haben, alle drei. Das ist letztes Jahr im März passiert. Und so sind wir jetzt alle drei zu gleichen Teilen Inhaber*innen und Mitarbeiter*innen.

Nikolai ist nun leider nicht da, könnt Ihr etwas über seinen Background sagen?
Kristina Hartwig:
Niko hat eine Ausbildung zum Speditionskaufmann gemacht, hat also eine kaufmännisch Ausbildung. Er ist, seit er Laufen kann, passionierter Angler, hatte also immer mit Fischen, mit dem Meer, mit Booten, mit Schiffen zu tun gehabt. War viel auf der Elbe unterwegs. Und hat dann irgendwann Aquakultur studiert.

Tim Staufenberger: Der Aquakulturstudiengang selber wurde geleitet in Wilhelmshafen und in Bremerhaven. Dort ging es darum, dass man ein Biologie- und ein Wirtschaftsstudium praktisch zusammen vereint. Dass man auf der einen Seite die Wirtschaftlichkeit hat und auf der anderen Seite aber auch weiß, was die Biologie macht. Einen der Professoren kenne ich halt, weil der auch viel mit uns zusammengearbeitet hat, das ist DER Professor schlechthin für Aquakultur, Bela Buck. Um den kommt man eigentlich nicht rum, der hat richtig viel gemacht. Zu ihm ist Niko ins Studium gegangen.

Damals durfte man das ja noch, da hab ich mal Leute mit zur Farm genommen. Ein Verwandter von Niko kam heim und frage für ihn ein Praktikum an. Niko suchte was mit „Hands on“ und wirklich was tun. Ich meinte: „Naja, schick mal ne Bewerbung.“ Und so kam über drei Ecken Niko als Erstes als Erntehelfer ran. Ich habe gesehen, er hat viel mehr Wissen über Fisch und alles, als ich je hatte, er fühlt sich auch richtig wohl auf Wasser, weiß, was er da macht, und ist vor allem auch seefest. Und so ging das dann ziemlich schnell, dass er vom Erntehelfer zum Bootsführer wurde. Und so ist Niko zu uns gekommen.

Wie ist die Meeresfarm entstanden?
Tim Staufenberger:
Zuerst waren die Algen da. Die wurden von Ocean Basis und Coastal Research and Management schon seit 1995-96 angebaut. Das waren die ersten, die hier in der Kieler Förde gesagt haben: „Mensch, lass mal Algen anbauen.“ Oben draufgesetzt auf die Algenkultur wurden dann die Muscheln. Dazu wurde dann das Projekt gestartet mit Unterstützung der deutschen Bundesstiftung Umwelt und dort wurde ich dann Aquakultur-Manager. Praktisch in einer bestehende Algenfarm. Vorher war die auf dem Boden. Das wurde mit Tauchern gemacht. Da waren Bodenstickel, die wurden unter Wasser reingesteckt, dazwischen wurden Leinen gespannt mit Lagen. Da gibt’s auch noch schöne Bilder, wie die ganze Crew in Badehoden Algen rausholt. Daraus wird dann Kosmetik gemacht. Das waren alles Biologen, die sich dann auch noch Kosmetiker eingekauft haben am Ende, also ziemlich cool.

Da kam ich dann ran. Als der projektbezogene Manager. Das Projekt war zu Ende 2012 und lief drei Jahre lang. Vom 2012 bis 2014 war es in meiner Managing-Hand. Ich habe es ein bisschen größer gemacht und ausgebaut. 2014 war auch die Nachzeit des Projekts EBAMA vorbei und dann war die Frage: „Wat nu? Machen wir‘s weiter, machen wir‘s nicht weiter?“. Ich hatte mich in das Projekt verliebt, ich habe gerne Muscheln gemacht, Algen sowieso, da war ja ganz große Expertise schon da. Mit den Muscheln hab ich mich schlau gemacht. Und so habe ich 2014 die Betreiberfirma „Kieler Meeresfarm“ gegründet.

Wieso ist eine Algen- und Muschelfarm in der Ostsee eine gute Idee?
Tim Staufenberger:
Die Älteren wie wir kennen das noch, den Konflikt „Tank oder Teller“. Wir machen Rapsfelder bis zum Umfallen, aber das isst keiner, weil wir daraus Öl machen, damit unsere Autos fahren können. Und da war die Idee, Mensch was können wir denn noch nutzen. Wir haben das Meer vor unserer Haustür. Wollen wir Fische machen?

Aber bei Aquakultur mit Fisch, da kommen Nährstoffe rein, denn die muss man füttern. Dann ist einem Biologen recht nahe zu sagen, wir wollen eine nachhaltige Aquakultur machen und dann auch den Nutzen der Meere so gestalten, dass man nichts kaputt macht, sondern den natürlichen Kreislauf nutzt. Und da sind Muscheln und Algen sofort die Sachen, die man machen kann. Denn beide müssen nicht gedüngt werden, die werden nicht gefüttert. Die kommen natürlich in der Ostsee vor. Und wenn wir einfach was nutzen, was wir abernten, dann holen wir sogar Nährstoffe raus, die sie im Laufe ihres Lebens angesammelt haben.

Das ist wie eine Trockenwiese in den Alpen. Die wächst da ganz normal und wenn man sie mäht, dann kommen die Nährstoffe weg. Und wenn man sie rausbringt, dann bleiben die Böden schön karg und die kleinen Kräutlein können da super gut wachsen. Das funktioniert aber nur, wenn man sie auch wirklich mäht. Wenn man sie nicht mäht, bleiben die Nährstoffe drin. Und das ist halt auch eine nachhaltige Nutzung, denn da düngt man nicht. Das kommt da einfach aus dem Boden so raus, die nehmen aus der Luft und aus dem Boden Stickstoff auf, mit Bakterien.

Was ist für Euch das Besondere an der Ostsee?
Tim Staufenberger:
Hier in der Ostsee ist es halt so: Wir sind ein super kleines Meer. Im Schnitt 50 Meter tief, die Nordsee fängt jetzt mal bei 200 Meter an zu sagen, jetzt bin ich mal ein Meer. Ostsee 50 Meter, kleine Pfütze sozusagen. Daher kommt auch tatsächlich der Name „Ostsee“ und nicht „Ostmeer“, weil wir einfach früher mal, in der letzten Eiszeit, ein großer See waren.

Dann kam die Nordsee reingebrochen und hat das Salz reingebracht, deswegen haben wir ganz wenig Salz. Nicht so viele Arten wachsen hier. Und wir haben ganz viele Anrainer und die bringen über die Flüsse Nährstoffe rein. Stickstoff und Phosphor. Das ist super Dünger für Muscheln und für Algen.

Algen sind Pflanzen, die wachsen praktisch von Licht und Liebe. Und die Liebe ist in dem Fall CO2, dass von Tierchen ins Wasser ausgeatmet wird. Und Stickstoff und Phosphor. Die Muscheln selber wachsen dann von dem, was im Wasser schwimmt. Die filtern die Ostsee wie so einen Cocktail. Alles was da durchschwimmt wird durchgefiltert und aufgemampft. Und so haben wir zwei extraktive Organismen, die mehr Nährstoffe aufnehmen, als sie ins Wasser reinbringen. Wenn man sie aberntet, bevor sie ihr Lebensende erreicht haben.

Wie sind Eure Zukunftspläne für die Muschelfarm?
Tim Staufenberger:
Ursprung war ja die nachhaltige Nutzung. Und da gibt es ein sehr schönes Konzept, das vor allem in Kanada groß geworden ist. Die integrierte multitrophe Aquakultur. Das ist ein Komplettnachbau der Umwelt, soweit wir das können, denn wir können nicht alles machen.

Foto © Barbara Dombrowski

Da geht es darum, dass man einen balancierten Weg findet, um Muscheln, Algen und Fisch zu produzieren. In dem Sinne, in dem man sagt, dass, was der Fisch an Nährstoffen ins Wasser gibt, weil wir da Futter reinschmeißen, wird von den Muscheln und Algen wieder aufgenommen. Das sind nicht die gleichen Nährstoffe, nicht das Futter-Pellet, das der Fisch hatte, wird wieder rausgenommen, aber die Menge ist gleich. Und das ist so balanciert, dass man sagen kann, das ist echt nachhaltig.

Wir können also sagen: es funktioniert. Wir können also Fisch produzieren, ein Protein, das gerne von Menschen gegessen wird, die keine Vegetarier oder Veganer sind. Wir können Pflanzenprotein produzieren, also Algen. Und Muscheln, auch ein hochwertiges Protein. Das Ganze mit kurzen Ketten, wo wir sagen können, die Energie, die drin ist, bleibt im Kreislauf und wird schnell an uns weitergegeben als Endkonsument.

Die Aquakultur im Moment krankt daran, dass wir Fische züchten, die eigentlich Jäger sind. Das wäre so, wie wenn wir nicht Kühe züchten an Land, sondern wir haben dann eine Herde Wölfe. Und um die Wölfe zu füttern, züchten wir die Kühe und um die Kühe zu haben, haben wir das Gras. Also wir legen unglaublich viel da rein, um ein Wolfssteak zu haben. Wir verlieren unglaublich viel an Menge und Energie, das wir das reinhauen. An Nahrungsmittel, wenn wir es direkt essen würden als Vegetarier oder Veganer, würden wir viel weniger Energie oder Wasser da reinschmeißen.

Ein Ansatz ist halt, das im Kreis zu halten und dafür die integrierte multitrophe Aquakultur zu nutzen. Da wollen wir hin. Wir haben ziemlich viel beantragt und jetzt auch genehmig bekommen, dass wir tatsächlich Muscheln, Algen und Fisch hier am Standort machen dürfen, in der Kieler Förde. Wir sind gerade mitten in der Ausbauphase, weil wir an vielen Fronten immer noch kämpfen gegen Sachen, von denen wir niemals dachen, dass sie ein Problem werden würden, aber das ist ja immer so. Wir sind tatsächlich jetzt dabei von 75 auf 100 Meter, auf insgesamt knapp elf Hektar zu vergrößern.

Wie soll Eure Produktion in Zukunft aussehen?
Kristina Hartwig:
Luxusprodukt ist nicht das Ziel. Eine größere Menge ist erstrebenswert, denn der Muschelpreis, zu dem wir aktuell verkaufen, ist elf Euro das Kilo. Es gibt diverse Kunden, die sagen, das ist immer noch viel zu günstig. Diejenigen, denen das zu teuer ist, die kommen ja nicht bei uns an, deren Stimmen hören wir nur selten. Unser Ziel ist schon, dass wir irgendwann mit dem Preis runtergehen können. Und natürlich kann man sich ausrechnen, wenn ich fünf Tonnen zur Verfügung habe mit elf Euro pro Kilo und davon sollen drei Leute leben… Das klappt nur bedingt.

Wie sieht Eure Preispolitik sonst so aus?
Tim Staufenberger:
Ganz am Anfang hatten wir auch noch einen Gastropreis. Den haben wir mittlerweile nicht mehr. Es ist immer gleich. Und wir bieten jedem, je mehr der abnimmt, desto günstiger wird es. Wenn der Kunde kommt und 20 Kilo haben will, kriegt er genau den gleichen Preis wie die Gastro.

Das hat bei mir lange gedauert, das hat auch Kristina reingebracht. Denn eigentlich ist es doch Quatsch. Wenn wirklich jemand das haben möchte – wir haben genau den gleichen Aufwand – warum soll der Gastroheini weniger bezahlen als unserer andere Kunde.

Ich finde, das ist auch eine schöne Sache mal zu sagen, wir machen das für alle zugänglich. So hat halt jeder die Möglichkeit zu sagen, ich nehme mehr, damit ist für uns der Aufwand auch geringer, weil wir dann ein großes Gebinde haben und das geben wir direkt weiter. Im Moment sind wir noch beim „Gönn-Produkt“, aber wir wollen schon dahin kommen, dass man sagt, ich kanns mir häufiger gönnen, aber wir können kein Grundnahrungsmittel sein.

Was ist das Ziel der Kieler Meeresfarm?
Tim Staufenberger:
Es ist nicht unser Ziel die Welt zu ernähren. Das schaffen wir gar nicht. Nicht auf der Anlage. Wir möchten lieber sagen, wir ernähren uns und die drum herum. Das ist lokal. Ganz am Anfang dachte ich, ich verkaufe nach Dubai und so weiter. Aber ich habe ganz klar gelernt, das ist ja ganz nett, aber nö. Das will ich auch gar nicht mehr. Weil ich auch festgestellt habe, mit diesen Luxusgütern, das ist ja ganz nett und kommt vielleicht auch zu anderen Leuten, aber das Ziel ist eigentlich in der kleinen Bionische zu bleiben. Sagen zu können, wir sind gar keine Konkurrenz für die großen Muschelproduzenten.

Was muss passieren, bevor Ihr die Muscheln verkaufen dürft?
Tim Staufenberger:
Wir sind Nahrungsmittelproduzent und es gibt eine Verordnung, nach der jede Charge, die verkauft wird, getestet werden muss. Die Kosten sind noch relativ gering, sie liegen bei 500 Euro pro Woche, wenn man halt genug produziert. Wenn man nur so wenig produziert wie wir, müssen wir schon überlegen, wie schaffen wir das.

Da wird getestet auf Bakterien und Algentoxine. Das wird wöchentlich getestet. Und das ist ein wenig in der Rechnung vermischt, wir testen dann auch noch Schwermetalle, Verbrennungsrückstände, Blei, Kadmium, Quecksilber, PCBs. Das ist eine dreiseitige Liste. Das wird alles getestet, bevor wir überhaupt die Freigabe bekommen, dass wir‘s verkaufen dürfen.

Wie wurden die Muscheln früher getestet?
Tim Staufenberger:
Damals gab es noch keine Testung, da wurde es an Bord gemacht. Wenn der Crew schlecht wurde, wurden die Muscheln nicht verkauft. Das wurde tatsächlich so gemacht. Und wenn‘s der Crew gut ging, wurde verkauft. Dann gabs halt auch einige, die mehr Kohle machen wollten und obwohl die Hälfte der Crew über der Reling hing und schon am …. war, wurden dann halt Chargen verkauft.

Welche Geschichte hat die Muschelindustrie in Deutschland?
Tim Staufenberger:
Nach dem Krieg wurde die Muschelindustrie in der Nordsee finanziert, deswegen haben wir in der Nordsee eine riesige Muschelindustrie. Wie kriegt man ein Volk ernährt, wenn grade die ganzen Schweineställe abgebrannt sind? Mit Muscheln. Deswegen gibt es Muscheln Rheinischer Art. An jeder Ecke. Es wurden tonnenweise Muscheln nach Süddeutschland exportiert. Es wurde subventioniert, dass die Muschelbänke leergefischt wurden. Wenn wir ältere Kunden haben, sagen die: „Bleib mir nur weg mit Muscheln, nach dem Krieg gab es nix anderes zu fressen, die werden das nie wieder anrühren!“.

Daher kommen Muscheln Rheinischer Art. Das war ein günstiges Produkt, es hatte viel Protein. Das was man im Winter da hatte, Lauch, Zwiebeln, Weißwein und dann hat man vielleicht noch Brot dazu gegessen, zusammengemacht, und so hat man ein Grundnahrungsmittel aus Muscheln nach dem Krieg geschaffen. Da wachsen keine Muscheln, aber trotzdem wurden die alle hier von der Nordsee tonnenweise da runter transportiert.

Das ist geblieben. In der Nordsee gibt es noch Lizenzen, die jetzt verkauft werden. Die müssen keine Testung machen, die müssen ne Lizenz kaufen. Wir in der Ostsee müssen nur das Gebiet pachten, aber wir müssen die Testungen zahlen. Das hält sich so ein bisschen in der Waage, die Lizenz ist auch teuer, aber dafür ist die ganze Testung schon mit drin. Es wird auch getestet, nur eben vom Land Schleswig-Holstein und Niedersachsen bezahlt.

Wir sind hier in der Ostsee. Wir haben das hier neu erfunden, beziehungsweise, eigentlich gab es das vor 250 Jahren schon. Kiel war eine alte berühmte Stadt dafür. Dann wurde aber dadurch, dass wir den Nord-Ostseekanal bekommen haben, die Kriegsmarine kam her, alles platt gemacht. Alle sind bei der Marine, bei den Schiffsbauern gelandet, aus dem Dorf wurde eine riesige Stadt, die Wasserqualität ging runter, so sind die Muscheln verschwunden. Wir haben sie jetzt wieder neu gemacht, aber deswegen haben wir keine Tradition von Lizenzen. Deswegen müssen wir das alles selber bezahlen.

Warum gibt es so wenig Muschelzucht in der Ostsee?
Tim Staufenberger: Wir sind hier einfach nicht dafür prädestiniert, denn Ebbe und Flut sind hier so gering, dass wir  nicht einfach rauslaufen können, mit dem Schäufelchen und raus. Wir brauchen richtige Starkwindereignisse, die das Wasser rausdrücken, damit man da hinkommt. Wenn man nach Holland geht und sich das sich das in der Nordsee mal anschaut, die haben richtige Felder. Genauso wie mit den Austern. Da fährt man raus während Ebbe, bestückt alles, dreht es um und geht rein. Das funktioniert hier halt nicht.

Wir müssen tatsächlich einen Bereich haben, wo wir an den Boden rankommen. Und deswegen haben wir die Muschelnutzung und das Traditionelle wie in Frankreich und der Bretagne hier nicht. Da geht die Familie raus ins Felswatt und sammelt sich ihr Essen zusammen, da wird alles mitgebracht und abends gekocht und zusammen macht man dann die Meeresplatte. Das haben wir hier traditionell nicht, weil uns einfach Ebbe und Flut fehlt.

Und gerade hier in Kiel mit der Marine ist man nicht so gut beraten alles zu essen, was auf dem Boden liegt. Denn wir sitzen ja an der Schleuse von Nord-Ostseekanal. Wir haben uns ja durchaus relativ viel Gedanken gemacht, wo züchten wir unserer Muscheln. Wir haben sie absichtlich in den oberen zwei bis drei Metern. Wir haben keine Bodenkolonie was normal ist in der Nordsee. Denn da geht halt viel drüber, viel Wasserbewegung. Das haben wir alles nicht in der Ostsee.

Wir bleiben an langen Leinen an der Oberfläche. Wir haben eine Langleinenoberflächenkultur. Und damit sind wir vom Boden unten weg. Denn dadurch, dass wir sehr langsame Fließgeschwindigkeiten und einen sehr fluffigen Boden haben, der eine riesige Oberfläche hat und ein riesiges Volumen, das alles aufnehmen kann, findet man dort die Schwermetalle, die Reste von den Bootsanstrichen… Das nimmt wie ein Schwamm einfach alles auf und sinkt zu Boden. Unsere Belastung vom Boden ist einfach da. Auch mit Quecksilber. Es wäre einfach nur falsch zu sagen, och, das ist doch alles gut. Da sieht nicht gut aus. Auch was hier an Bomben und Munition ins Wasser geschmissen wurde nach dem zweiten Weltkrieg, weil muss ja alles weg, das ist alles im Boden noch drin.

Und deswegen sind wir oben an der Oberfläche, wo wir das frische Wasser haben. Dadurch, dass wir den Platz richtig ausnutzen, können wir überhaupt Muscheln züchten, die nicht belastet sind. Deswegen auch Muscheln einfach so mitnehmen…? Darf jeder machen, man darf sich nur nicht erwischen lassen. In der Nordsee darf jeder sein Eimerchen nehmen, in der Ostsee braucht man eine Genehmigung.

Was sollte man beim Selbersammeln beachten?
Tim Staufenberger:
Vorsicht beim Selbersammeln! Aufpassen und wirklich Stein nehmen. Nicht von einem Poller abkratzen, die sind alle beschichtet gewesen damals, damit nichts drauf wächst. Nicht von der Stahlwand abkratzen, denn die Spundwände sind teilweise Schrott von der Eisenverhüttung.

Die Kopfsteinpflaster, die wir hier haben. Wenn wir in den Nord-Ostseekanal reingehen, ist da eine wunderbare Wand mit Schlackestein. Das ist der Rest, der von der Metallverhüttung übrigbleibt. Ist ne coole Sache – nur ein Problem: Unglaublich hohe Kupferwerte und unglaublich viele Nickelwerte. Die Muschel ist da direkt dran, die nimmt das direkt auf. Das kann zu richtig bösen Ausfällen führen!

Deswegen aufpassen, wo man‘s hernimmt. Am besten Naturstein. Und da auch schauen, dass man keinen Schlackestein hat, der tatsächlich aussieht wie Naturstein, also diese Uferbefestigungen.

Die werden übrigens mittlerweile nicht mehr benutzt, weil man festgestellt hat, dass die Kupferkonzentration im Nord-Ostseekanal interessanterweise furchtbar hoch ist und keiner wusste, wo‘s herkam, bis sie sich dann mal erinnert haben, was sie da eigentlich verbaut haben. Das wird mittlerweile nicht mehr gemacht. Aber das sind halt noch Altlasten. Das Beste ist eigentlich, eine Wand davor zu bauen und es nicht mehr anzurühren. Deswegen lassen sie die Sachen auch drin, weil sie sagen, naja von der Oberfläche sind die Stoffe jetzt ja raus, aber wenn da eine Muschel draufsitzt und da noch immer die ganzen Reste vom Kupfer, Nickel, Quecksilber drin sind, das nimmt die Muschel fröhlich auf.

WEITERLESEN:

https://www.kieler-meeresfarm.de/
https://www.dbu.de/OPAC/ab/DBU-Abschlussbericht-AZ-27119.pdf

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 23.04.2021. Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.