Yvonne Rößner und Sophie Bodenstein

Geschäftsführung der Kieler Lachsforelle, Kiel

>>Früher haben wir viel Leber weggeschmissen, dabei ist das ein schönes Produkt, das wir jetzt auch verkaufen. (…) Also wir wollen möglichst alles verwerten. Und das nicht, um Geld zu machen, sondern um dieses Tier wertzuschätzen.<<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Yvonne Rößner und Sophie Bodenstein zum Aufbau der Fischfarm, zu Nachhaltigkeit im Betrieb und Belastungen in der Fischzucht zu sagen haben:

Meeresmenschen Talk mit Yvonne Rößner und Sophie Bodenstein: Wertschätzung für Fisch und Umwelt

Wer seid ihr und was macht Ihr?
Sophie Bodenstein
: Ich bin Sophie Bodenstein, ich bin wie Yvonne Rößner auch Meeresbiologin. Wir haben diese Farm in Kiel vor zwei Jahren im Februar übernommen. Sie existierte bis dahin schon seit 30 Jahren.

Sie wurde in den 1970er Jahren mal als Forschungspilotprojekt initiiert und hat sich dann im Laufe der Zeit zu einer wirtschaftlich funktionierenden Farm entwickelt. Wir haben das dann von Tassilo Jäger-Kleinicke übernommen. Er ist unser Vorgänger, wir sind die Nachfolger.

Tassilo hat diese Infrastruktur hier zur Perfektion gebracht. Und wir sind sehr glücklich drüber, dass wir diese funktionierenden Strukturen und den Kundenstamm übernehmen konnten und das nicht selber alles aufbauen mussten, weil wir das ja auch nicht von der Pike auf gelernt haben. Wir sind ja keine gelernten Teichwirtinnen oder Aquakulturianer.

Wir bringen natürlich unser biologisches Wissen mit, das uns in den kritischen Situationen immer gut zu Hilfe eilt, aber in das Handwerkliche müssen wir auch erst noch richtig hineinwachsen. Wir haben schon viel gelernt, auch durch unsere Praktika, die wir hier in der Farm schon seit Jahrzehnten auch vor der Übernahme schon gemacht haben. Aber kann man nicht alles lernen, man muss es erleben.

Yvonne Rößner: Genau, es braucht Zeit, dass da so eine richtige Routine draus wird, aus den einzelnen Handgriffen, die man immer so Stück für Stück mitbekommen hat. Aber jetzt, wo wir jeden Tag hier sind, muss natürlich jeder Handgriff sitzen. Und jetzt sind wir schon ganz gut dabei. Unser Team ist super zusammengewachsen und hat sich ein bisschen vergrößert.

Welche Mengen Fisch produziert ihr im Jahr?
Yvonne Rößner
: Das sind circa 20 Tonnen im Jahr, kann man das sagen?

Sophie Bodenstein: Ja.

Yvonne Rößner: Wir fangen circa 20 Tonnen fischen ab. Wir erhalten ja Satzfische, die setzen wir hier ein, dann bleiben sie hier eine Weile, bekommen auch Futter und dann fischen wir sie wieder ab.

Wie ist Eure Farm aufgebaut?
Yvonne Rößner: Wir haben Schwimmpontons, an diesen hängen Netzgehege frei im Wasser. Da fließt also immer freies, frisches Fördewasser durch die Käfige. Die sind also nicht in einem Becken, in das immer Wasser reinlaufen muss und dann wieder rausläuft, sondern die Fische hängen frei in der Förde. Und das ist eigentlich optimal für die Fische. So sind die immer mit super Wasserqualität versorgt.

Wieso steht die Farm an dem Ort, an dem sie steht?
Yvonne Rößner: Früher gab es so den menschlichen Glauben, dass die Fische es gerne warm haben wollen, weil wir Menschen es ja auch gerne warm haben. Tatsächlich sind das aber Kaltwassertiere, die sich eher im kalten Wasser wohlführen.

Der Grund, warum die Verarbeitungsräume hier auf dem Gelände des Kieler Kohlekraftwerks stehen, und die Farm liegt  ja quasi unmittelbar vor dem Gelände im Wasser, hängt damit zusammen, dass das Pilotprojekt ein Forschungsprojekt war, dass hier von 40 Jahren stattgefunden hat. Das sind einfach historische Strukturen.

Das warme Abwasser kommt auch gar nicht mehr in die Kieler Förde, weil das Kraftwerk im Jahr 2019 abgeschaltet wurde. Und das neue Kraftwerk, das unmittelbar daneben steht, brauch kein Wasser zum Kühlen der Anlagen. Die kühlen das Kraftwerk mit Luft. Deswegen ist das Wasser hier genauso warm wie an jeder anderen Stelle in der Förde.

Die Farm könnte also auch an jeder anderen Stelle stehen und die Fische brauchen gar kein warmes Wasser?
Sophie Bodenstein:
Also im Winter ist es vielleicht schon ein keiner Vorteil, denn je höher die Temperatur, desto besser wachsen die Fische, das ist einfach so. Aber das Optimum ist so bei 16 bis 18 Grad. Im Winter haben wir schon mal nur vier Grad, da wäre es schöner, wenn man zehn Grad hätte, aber so warm ist das Wasser in der Vergangenheit auch nicht geworden durch die Abwärme.

Das Problem ist eher, dass die Sommer sehr, sehr heiß geworden sind und die Peaks sehr, sehr extrem nach oben ausschlagen. Wir hatten hier vor zwei Jahren Wassertemperaturen bis 28 Grad  und wenn dann noch ein bisschen Kühlwasser dazukommt, kann das das halbe Grad zu viel sein.

Wie Yvonne sagt, unsere Fsiche sind Kaltwasserorganismen, die darauf angewiesen sind, dass möglichst viel Sauerstoff im Wasser gelöst ist, sonst gibt es Probleme mit der Sauerstoffaufnahme in heißem Wasser. Es sind ja keine tropischen Fische.

Yvonne Rößner: Genau, und das war ja auch kein gleichbleibend warmes Wasser, sondern das waren irre Temperaturschwankungen. Ich hab das vor Jahren mal gemessen, Das sind mindesten 10 Grad Temperaturunterschied innerhalb weniger Stunden, denen die Fische ausgesetzt waren. Das ist dann eher Stress.

Das Kühlwasser kam so stoßweise. Zack, dann haben die mal gekühlt, dann kam die Abwärme und dann ging die Temperatur hoch und dann fiel die Temperatur aber wieder ab. Das ging ziemlich schnell. Und für ein Tier, das sich mit der Temperatur seiner Umwelt anpasst , ist das ein irrer Stress. Die Fische sind genau so kalt wie das Wasser, das sie umgibt. Das ist nicht wie bei uns, die wir unsere eigene Wärme auf 36 Grad jeden Tag selber herstellen. Also das machen die Fische nicht. Und das ist wirklich ein irrer Stress für die gewesen.

Aber es ist natürlich auch schön, wenn das Wasser ein bisschen wärmer ist und nicht ganz zufriert, so wie dieses Jahr. Diese Bucht ist ein bisschen beruhigt und deswegen kann es schon passieren, dass es hier zu Eisbildung kommt.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Eurem Betrieb?
Sophie Bodenstein: Die Nachhaltigkeit ist das A und O unseres Betriebs. Wir richten den kompletten betrieblichen Ablauf auf Nachhaltigkeit aus. Das beginnt dabei, dass wir die Fische nicht von sonst wo importieren, sondern die kommen direkt aus Dänemark, sie haben einen kurzen Transportweg von 2,5 Stunden bis zu uns, und das endet im Verkaufswagen, wo wir jetzt keine Plastiktüten mehr verwenden. Das war das Konzept von Anfang an, dass wir die Fische lose verkaufen und nicht verpackt. Dass der Kunde zu uns kommen kann und lose Nahrungsmittel bekommen kann. Im besten Falle nimmt er seine eigene Verpackung mit und wir füllen dann den Fisch dort hinein. Und das kommunizieren wir auch mit dem Verbraucher.

Der Kunde, der ja direkt vor uns steht, korrigiert uns auch in unseren betrieblichen Abläufen. Also wenn der Kunde wünscht, dass weniger Plastiktüten verwendet werden, dann machen wir das auch. So können wir direkt so agieren und das ist ein ganz großer Nachhaltigkeits-Punkt in meinen Augen.

Yvonne Rößner: In der Farm Praxis ist es auch so, dass wir keine umweltschädlichen Stoffe einsetzten wollen oder dürfen, das wurde bisher auch nicht so gemacht und wir behalten das so bei. Also zum Beispiel, dass das Boot keinen Anti-Fouling Anstrich bekommt und die Netzgehege keine Beschichtung bekommen, die potenziell negativ sein könnte für die Umwelt.

Außerdem füttern wir auch nur so viel, wie wir sehen, dass die Fische es auch fressen und auch weniger, um die Umwelt zu schonen und um den Futterverbrauch so effizient wie möglich zu gestalten. Wir fischen auch nur so viel ab, wie wir wirklich verkaufen können. Damit wir wenig Lagerhaltung und wenig Kühlkapazität nutzen müssen.

Foto © Barbara Dombrowski

Außerdem  nutzen wir möglichst alles vom Fisch, „from nose to tail“ sagt man dazu im landwirtschaftlichen Bereich. Und wir entsorgen wirklich nur das, was wir gar nicht verwerten können. Und trotzdem überlegen wir uns immer wieder, wie wir das auch noch verwerten können, was wir jetzt noch entsorgen müssen. Also es geht nicht um tote Fische, sondern um Innereien zum Beispiel.

Früher haben wir viel Leber weggeschmissen, dabei ist das ein schönes Produkt, das wir jetzt auch verkaufen. Oder ob wir vielleicht das Fett vom Fisch verwenden können. Also wir wollen möglichst alles verwerten und das nicht, um Geld zu machen, sondern um dieses Tier wertzuschätzen.

Abgesehen von diesen Aspekten, wie haltet Ihr es mit den Verpackungen für Euren Fisch?
Das ist ja auch ein Grund, warum wir möglichst auf Plastiktüten bei unseren Waren verzichten wollen. Das ist ja auch ein schwieriges Produkt, das man gerne in eine Plastiktüte verpacken würde. Aber wir erleben, dass die Märkte 200 Meter von der Uferlinie entfernt sind und es sehr wahrscheinlich ist, dass eine Plastiktüte einfach verloren geht. Oder die gelben Müllsäcke werden von den Möwen angepickt und dann landet die Hälfte doch in der Förde.

Wir sind hier halt unmittelbar am Meer.  Auch wenn der Kunde sagt, die Tüte verwendet er ja wieder… Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit hier sehr, sehr viel höher, dass die Tüte am Ende im Meer landet. Deswegen wollen wir mit gutem Beispiel voran gehen. Wir wollen unsere Kunden auch ein wenig dahingehend erziehen, dass er eine eigene Verpackung mitbringt. Eine Isolierbox zum Beispiel.

Welches Futter bekommen Eure Fische?
Yvonne Rösner
: Sie bekommen optimales Forellenfutter von der Firma Alltech Coppens, das Futter heißt ASTAX-22. Das ist so ein Forellenfutter, das mit einem Farbstoff versetzt ist, Astaxanthin, damit die Fische rotes Fleisch haben. Das ist das beste Futter, das wir so kriegen können. Es gibt auch andere Futterhersteller, aber den haben wir schon immer benutzt. Die Fische fressen das, das ist das wichtigste und sie bleiben gesund. Und das Fleisch ist gut.

Uns ist auch wichtig, dass das Futter so konzipiert ist, dass dafür nicht irgendwelche Ressourcen verbraucht werden, die dazu führen, dass der Regenwald abgeholzt wird. Das steht auch zumindest als Symbol aufgedruckt da drauf, dass das nicht der Fall ist. Und dass es so konzipiert ist, dass wenig Nährstoffe aus dem Futter in die Umwelt gelangen und der Futterquotient niedrig ist.

Sophie Bodenstein: Also, dass die Verwertung durch den Fisch optimal ist.

Habt ihr ein Problem mit Mikroplastik oder anderen Belastungen?
Yvonne Rösner: Alle Küstengewässer sind irgendwie belastet, da darf man sich gar keine Illusionen machen. Aber unsere Fische fressen das, was sie in den Käfig geschmissen bekommen. Vielleicht schwimmt auch mal  ein Fisch rein, oder kleine Krebse oder Würmer. Die ganzen Schwermetalle und so weiter befinden sich hauptsächlich im Boden gebunden. Bei Mikroplastik ist das nochmal anders.

Sophie Bodenstein: Ich würde jetzt auch nicht beides in einen Topf werfen. Bei Schwermetallen ist es tatsächlich so, dass sie fast ausschließlich im Sediment vorkommen und dort messbar sind.

Yvonne Rößner: Unsere Fische haben damit keine Berührung, weil sie keinen Grundkontakt haben. Es kann schon mal sein, wenn der Wasserstand extrem niedrig ist, dass die Netzte Grundkontakt haben können. Aber dann würden die Fische auch nicht wie ein Dorsch Muscheln oder Krebse fressen.

Sophie Bodenstein: Die Wildfische sind ja angereichert mit Schwermetallen über die Nahrungskette. Jede Stufe in der Nahrungskette reichert in ihrem eigenen Fleisch Schwermetalle an und der Fisch, der ganz oben steht, kriegt das alles ab. Das sind dann eben diese schön fettreichen Fische. Hai und Thunfisch zum Beispiel. All die Fische, die kein Zooplankton aufnehmen, sondern andere Fische fressen. Aber diese Nahrungskette haben wir nicht in unserer Aquakultur.

Yvonne Rößner: Das ist im Grunde das gleiche, wie mit den Omega-3-Fettsäuren. Die kommen ja auch nicht ursprünglich im Fisch vor, sondern Die haben sich auch über die Nahrungskette angereichert. Über Mikroalgen, kleine Krebse, kleine Fische, große Fische und dann der letztendliche Speisefisch.

Sophie Bodenstein: Und Mikroplastik ist ja jetzt ein relativ neues Forschungsfeld, worüber wir noch gar nicht so richtig viel wissen. Es gibt da verschiedene Arten von Plastikverschmutzung im Meer. Natürlich das, was man sieht wie Plastiktüten oder Plastikflaschen. Die sammeln wir auch immer sofort ab, wenn die bei uns angespült werden oder sich bei uns in der Anlage verfangen. Weil wir natürlich auch nicht wollen, dass unsere Fische damit spielen müssen.

Aber was das Mikroplastik angeht, also die richtig feinen Teile, die man auch gar nicht richtig sieht, darüber können wir noch gar keine richtige Aussage treffen, wie groß die Belastung in der Förde ist, da die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt. Wir sind aber über verschiedene Forschungsprojekten mit dem GEOMAR verbunden. Dort beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema. Da wird in Zukunft auch noch ein bisschen was passieren.

Wir wollen zum Beispiel Mageninhaltsanalysen an unseren Fischen durchführen, um zu schauen, ob die das Mikroplastik aufnehmen.  Auch soll geschaut werden, wie viel Müll hier an unserem Strand angespült und angeschwemmt wird, so sass man das mal ein bisschen katalogisieren kann.

WEITERLESEN:
www.kieler-lachsforelle.de

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 07.06.2021. Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.