Philipp Schubert

Seegrasforscher am GEOMAR und SUBMARIS Forschungstaucher, Kiel

>> Wir sind zum Glück auf einem guten Weg.  Wir haben weniger Nährstoffe im Meer und deswegen geht es dem Seegras heute besser als noch in den 1980er oder 1990er Jahren. Jedes Jahr erobert sich das Seegras mehr an Tiefe zurück. Diese maximale Tiefenausbreitung des Seegrases ist ein ganz wichtiger Indikator für den Zustand der Meeresumwelt. Also das Seegras ist für uns sozusagen der Kanarienvogel, der uns sagt: „Geht es dem Meer gut oder schlecht?“ <<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Philipp Schubert zu Seegras in der Ostsee, der Entwicklung der Bestände und ungewöhnlichen Funden als Forschungstaucher zu sagen hat:

Meeresmenschen-Talk mit Philipp Schubert: Ein Unterwassergärtner und Herr der Halme

Wer bist Du und was machst Du?
Mein Name ist Philip Schubert und ich bin Meereswissenschaftler am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und ich forsche über Seegraswiesen der Ostsee. Zusätzlich bin ich auch noch Mitglied von Submaris, einer Forschungstauchgruppe aus Kiel, die sich mit Umweltschutzthemen beschäftigen und für Medien und Wissenschaft arbeitet.

Was ist Seegras?
Viele denken fälschlicherweise, Seegras sei eine Alge. Also viele Menschen sehen am Strand einen Anwurf von Algen und einen Anwurf von Seegras, also so ein Mischmasch, und denken, das sind alles Algen. Oder sie bemerken Seegras im Wasser und denken das sind Algen. Das ist eine grundsätzlich falsche Annahme, denn Algen sind schon immer im Meer gewesen, Seegras wiederrum ist eine Blütenpflanze, die sich halt an Land entwickelt hat und dann in der Evolutionsgeschichte, zu ungefähr der Zeit, als der Tyrannosaurus Rex lebte, also in der Kreidezeit, als einzige Samenpflanze der Welt wieder ins Meer zurückgewandert ist.

Also Seegras ist eine Samenpflanze, wie alle unsere Bäume hier, oder Blumen, und ist ins Meer zurückgewandert. Sie haben es als einzige Samenpflanze geschafft, mit dem Salzgehalt und den marinen Bedingungen umzugehen.  Das ist etwas ganz Besonderes. Das ist so ähnlich wie bei den Walen. Wale waren ja auch Landtiere und sind dann, sozusagen sekundär, ins Meer zurückgewandert. Man könnte also sagen, Seegras ist der Wal der Pflanzenwelt.

Seegras kommt hier in Schleswig-Holstein an allen Küsten vor und bildet im Prinzip immer so eine Art Band, einen Gürtel, um die Küsten. Typischerweise so in den Wassertiefen von zwei bis acht Metern. Seegras bildet dichte Wiesen auf weichem Sandgrund, während Algen nur auf Steinen wachsen können. Deswegen wäre der größte Teil unserer Ostseeküste unbesiedelt, wir haben hier ja hier vor allem Sandküsten und Sandstrände mit wenigen Steinen und keine Felsenküsten. Auf Felsen können Algen wachsen, auf Sand kann nur Seegras wachsen. Deswegen ist das so ein wichtiges Ökosystem für die Ostsee. Ohne Seegras hätten wir nur Sandboden und Wüste.

Das ist so ähnlich wie bei den Walen. Wale waren ja auch Landtiere und sind dann, sozusagen sekundär, ins Meer zurückgewandert. Man könnte also sagen, Seegras sind die Wale der Pflanzenwelt.

Welche Bedeutung haben Seegraswiesen für die Küstengebiete?
Seegraswiesen sind unglaublich wichtige Küstenökosysteme. Hier bei uns an der Ostsee sind Seegraswiesen sogar das allerwichtigste Küstenökosystem! Denn sie bieten vielfältige Ökosystemdienstleistungen für den Menschen und auch eben für die Umwelt. Zum einen schützen sie die Küste, weil sie durch ihr Wurzelwerk das Sediment verfestigen und dadurch den Sandtransport verhindern. Sie verringern die Wellenkraft und sind so wirklich die allererste Front im Küstenschutz. Zusätzlich sind sie eine Biodiversitätshotspot, wenn man Seegraswiesen mit umliegenden Sandflächen vergleicht, sind dort wesentlich mehr Arten. Hier bei unserer Ostsee zum Beispiel hat man auf dem Sandgrund vielleicht 10 bis 20 Arten, also größere Arten, die dort leben, und direkt nebenan im Seegras haben wir schon über 60 bis 70 Arten.

Seegras ist eine Kinderstube für Fische, auch für ganz viele, wirtschaftlich wichtige Fischarten wie Dorsch oder Hering. Der Hering laicht darin, der Dorsch frisst dort, Jung-Dorsche schützen sich dort. Also das ist eine Kinderstube und ein Jagdgrund für Fische. Auch der Aal kommt vor allen Dingen im Seegras vor.

Foto © Barbra Dombrowski

Und nicht zuletzt hat Seegras eine unglaubliche Filterwirkung. Es filtert beispielsweise Nährstoffe aus dem Wasser, es filtert aber auch Bakterien raus, was wir in unserer Arbeitsgruppe am GEOMAR herausgefunden haben. In den Sommermonaten gibt es immer wieder so Berichte, das Vibrionen, die verursachen Wundinfektionen, im Wasser nachgewiesen wurden. Also diese Bakterien gibt es immer im Meer, aber die kommen nur bei warmen Wasser aus dem Boden raus, und können dann immunsupprimierte Menschen, also Menschen mit einem ganz schwachen Immunsystem, tatsächlich auch töten. Es gibt leider da immer so ein, zwei Fälle im Jahr wo Menschen nach einem Bad in der Ostsee wegen Vibrionen sterben. Das sind aber wie gesagt meist stark vorerkrankte Menschen, also da ist kein Grund zu Alarmismus.

Aber was wir herausgefunden haben ist, dass Vibrionen in Seegraswiesen bis zu 50 Prozent reduziert vorkommen. Also wir haben Wasser aus einer Seegraswiese gezogen und Wasser direkt nebenan. In der Seegraswiese sind die Vibrionen um ca. 50 Prozent reduziert. Das ist also eine ganz starke Filterwirkung, die sich eben nicht nur auf Nährstoffe bezieht, sondern eben auch auf Bakterien.

Seegraswiesen sind unglaublich wichtige Küstenökosysteme. Hier bei uns an der Ostsee sind Seegraswiesen sogar das allerwichtigste Küstenökosystem!

Und nicht zuletzt, und deswegen wird Seegras in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus gerückt, ist Seegras ein super CO2 – Speicherort und auch eine CO2 – Senker. Seegraswiesen sind unheimlich gut darin, CO2 aus dem Meereswasser zu filtern und in Zucker einzulagern und dann unter dem Meeresboden, unter Sauerstoffabschluss, einzulagern.

Deswegen sind Seegraswiesen jetzt besonders in den Fokus von Klimawissenschaftlern gerückt. Und daher haben wir in den letzten zwei Jahren begonnen, Seegras für Forschungszwecke in der Ostsee auch anzupflanzen. In der Ostsee haben wir jetzt schon mehrere 1000 Quadratmeter angepflanzt und schauen uns jetzt an, wie sich das entwickelt. Das Projekt „Seastore“ hat eine Dauer von drei Jahren, und da bin ich mit meiner Unterwasserfirma Submaris sozusagen als Unterwassergärtner tätig.  Also wir haben da die Anpflanzung vorgenommen, indem wir unter Wasser einzelne Halme ernten und die dann an einem neuen Ort neu verpflanzen.

Wie haben sich die Seegrasbestände in der Nord- und Ostsee entwickelt?
Wenn wir das vergleichen mit einer Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg oder Anfang des 20. Jahrhunderts, dann haben wir starke Verluste von Seegras. Wir haben heute in der Ostsee nur noch 40 Prozent des Seegrases, von dem was wir damals ursprünglich hatten.

In der Nordsee sind fast 90 Prozent verloren gegangen, das lag aber nicht nur an den Menschen, primär lag es an einer großen Krankheitswelle, einem „Seegrass Wasting disease“. Diese Seegraskrankheit hat dafür gesorgt, dass dort viel abgestorben ist und der Mensch wiederum hat dafür gesorgt, dass es nicht zurückgekommen ist.

Hier in der Ostsee sind wie gesagt ungefähr 40 Prozent von damals verloren gegangen, vor allem durch Überdüngung. Das meiste Seegras ist in der Tiefe verloren gegangen. Früher kam Seegras bis in 14 Meter Tiefe vor, heute nur noch so bis in etwa acht Meter Wassertiefe. In den 1970er / 1980er Jahren kam Seegras sogar nur noch bis fünf bis sechs Meter Wassertiefe vor.

Foto © Barbara Dombrowski

Diese Seegraskrankheit hat dafür gesorgt, dass dort viel abgestorben ist und der Mensch wiederum hat dafür gesorgt, dass es nicht zurückgekommen ist.

Jetzt sind wir zum Glück auf einem guten Weg. Wir haben ja mehrere Meeresschutzprogramme angeschoben, unter anderem Helcom. Wir reduzieren unsere Nährstoffeinträge sehr stark, vor allen Kläranlagen wurden seit den 1980ern stark modernisiert oder im Osten überhaupt aufgebaut. Die Landwirtschaft bemüht sich und hat auch strengere Regeln, aber da passiert leider noch nicht so viel. Industrielle Abwässer sind auch weniger geworden und Phosphate wurden aus Waschmitteln verbannt.

Wir haben also weniger Nährstoffe im Meer und deswegen geht es dem Seegras heute besser als noch in den 1980er / 1990er Jahren. Jedes Jahr erobert sich das Seegras mehr an Tiefe zurück. Diese maximale Tiefenausbreitung des Seegrases ist ein ganz wichtiger Indikator für den Zustand der Meeresumwelt. Also das Seegras ist für uns sozusagen der Kanarienvogel, der uns sagt: „Geht es dem Meer gut oder schlecht?“

In welcher Tiefe könnte Seegras heute wieder vorkommen?
Wir gehen davon aus, dass das Seegras ungefähr in 14 bis 15 Meter wieder vorkommen könnte, wenn die Sichtweiten wieder so wären wie vor dem Zweiten Weltkrieg, also vor der landwirtschaftlichen Revolution. Aber heutzutage sollten acht Meter Wassertiefe auf jeden Fall erreicht werden können. Und im Gegensatz zu zwölf Meter Wassertiefe, was auf jeden Fall erreicht werden kann, ist das schon ein Verlust um die Hälfte. Also das ist nur das, was in der Tiefe fehlt. Zusätzlich haben wir aber auch Verlust in der Breite, weil wir natürlich Hafenausbauten haben, Molen oder andere diverse Dinge, die dazu führen, dass Seegras sein Potenzial nicht ausschöpfen kann.

Deswegen kann es eine gute Idee sein, an den Orten, wo Seegras verloren gegangen ist, weil es aus der Tiefe verdrängt wurde, oder im Flachen nicht siedeln konnte weil es zu viele Wellen gab, Seegras wieder anzupflanzen.

Deswegen kann es eine gute Idee sein, an den Orten, wo Seegras verloren gegangen ist, weil es aus der Tiefe verdrängt wurde, oder im Flachen nicht siedeln konnte weil es zu viele Wellen gab, Seegras wieder anzupflanzen. An der Küste vor Damp ist das zum Beispiel der Fall, dort sind sehr starke Wellenbewegungen, wenn Oststurm ist. Deswegen kam dort Seegras sowieso erst ab vier Meter Tiefe vor bis auf eben früher zwölf Meter Tiefe. Dann kam die Eutrophierung. Dass Seegras wurde zurück gedrängt auf vier, fünf, sechs Meter Tiefe und war gar nicht mehr da. Jetzt existiert dort kein Seegras mehr. Das wäre zum Beispiel ein Ort, wo man anfangen könnte Seegras wieder hinzupflanzen, denn heutzutage wissen wir ja, es kann in bis zu acht Meter Wassertiefe vorkommen. Also jetzt könnte sich da wieder ein Band von Seegras um die Küste schlängeln.

Was machst Du in Deinem anderen Beruf als Forschungstaucher?
Also die Forschung rund um das Seegras mache ich ja am GEOMAR, und schreibe dort darüber meine Doktorarbeit. Gleichzeitig haben wir uns mit ein paar Kollegen und Freunden zusammengetan und  vor zehn Jahren in Kiel die Forschungstauchgruppe Submaris gegründet. Wir machen vor allen Dingen Forschungstauchaufträge für Wissenschaft und Medien. Also wir drehen zum Beispiel Dokumentationen oder Reportagen für Terra X oder für den NDR. Aber gleichzeitig arbeiten wir auch für Auftraggeber wie das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume, das LLUR, viel auf Helgoland, aber auch in der Ostsee, zum Beispiel an Riffen. Zurzeit sind wir gerade an natürlichen Steinvorkommen, also natürlichen Riffen, in der Ostsee unterwegs und untersuchen dort die Artenvielfalt.

Einer der Taucher kam hoch und sagte: „Da liegt eine Schreibmaschine drin!“ Und dann war das eine ENIGMA. Diese Meldung ging um die Welt.

Manchmal ist der Auftraggeber auch das GEOMAR und wir holen verlorengegangene Messinstrumente wieder hoch oder finden diese. Wir arbeiten auch an Wracks. Oder wir holen Geisternetze aus dem Meer in Zusammenarbeit mit dem WWF.  Wir arbeiten also auch mit Umweltschutzorganisationen zusammen. Mit dem NABU haben wir an der Fehmarnbelt Querung gearbeitet und da Riffe untersucht. Mit dem WWF suchen und sammeln wir wie gesagt Geisternetze.  Geisternetze sammeln heißt nicht nur, dass man rausfährt und sie rausfischt. Man muss sie vor allen Dingen erst mal finden, also ein ganz komplexer Vorgang und da passieren auch spektakulären Funde wie letztes Jahr. Tatsächlich haben wir eine ENIGMA gefunden, also ein Chiffriergerät der Nationalsozialisten, das auf U-Booten drauf war. Das haben wir zufällig während der Bergung eines Geisternetzes gefunden. Einer der Taucher kam hoch und sagte: „Da liegt eine Schreibmaschine drin!“ Und dann war das eine ENIGMA. Diese Meldung ging um die Welt.

Was macht Ihr im Bereich Umweltbildung?

Die Ostsee ist unheimlich schön. Sie hat natürlich ihre Probleme, wie Überdüngung und vor allen Dingen Überfischung, aber sie ist auch ein schönes Meer. Die Arten, die hier vorkommen, sind sehr speziell. Die Arten hier sind die härtesten Arten, das ist nicht der Ausschuss der Arten, sondern die Creme de la Creme der Meeresarten.

Das finden wir einen ganz wichtigen Aspekt der Umweltarbeit, dass wir auch natürlich vor allen Dingen Schülern, Kindern und Jugendlichen etwas darüber erzählen, was sie ändern können, was sie überhaupt hier verlieren, wenn man nichts unternimmt. Die Ostsee ist für viele so „ein blödes Meer“, „ja wir leben hier halt, aber es ist nicht so schön“. Und das ist natürlich überhaupt nicht wahr. Die Ostsee ist unheimlich schön. Sie hat natürlich ihre Probleme, wie Überdüngung und vor allen Dingen Überfischung, aber sie ist auch ein schönes Meer. Die Arten, die hier vorkommen, sind sehr speziell. Die Arten hier sind die härtesten Arten, das ist nicht der Ausschuss der Arten, sondern die Creme de la Creme der Meeresarten.

Zum Beispiel haben wir hier nur eine Seesternart, aber das ist eben der härteste  Seestern, der hier mit den wechselnden Salzgehalten und den wechselnden Temperaturen zwischen Winter und Sommer gut klar kommt. Schülerinnen und Schülern so etwas beizubringen, ist natürlich echt wichtig, sodass sie wertschätzen, was sie hier vor der Haustür haben und es schützen. Dass sie keinen Müll eintragen, dass sie vielleicht auch darauf achten, lokal einzukaufen oder auf Bio-Produkte zu achten, damit nicht noch mehr Dünger in die Ostsee eindringt, denn das ist das Hauptproblem der Ostsee.

WEITERLESEN:
https://www.geomar.de/pschubert
https://submaris.com/de/
https://www.seegraswiesen.de/

https://ocean-summit.de/bildung/seegraswiesen-wunderwiesen/

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 24.08.2022. Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.