Ruth Kruse

Bürgermeisterin Nordstrandischmoor und Nordstrand, Vorsitzende der Biosphärer Halligen und hauptberufliche Rangerin im Nationalpark Wattenmeer, Nordstrandischmoor

>>Ich habe mehr Angst vor der Menschheit, die einfach überhaupt nicht realisiert, dass wir fünf nach zwölf haben und dass wir uns da auch mit kleinen und guten Projekten beschäftigen müssen und nicht immer versuchen, die große Welt zu ändern. Wir müssen Kleinigkeiten machen dürfen und nicht immer an irgendwelchen Gesetzen landen, wo jemand sagt: „Das geht nicht“. <<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Ruth Kruse über das Halligleben, die Bedeutung des Klimawandels für die Halligen und Küstenschutz zu sagen hat:

Meeresmenschen-Talk mit Ruth Kruse: Selbstbestimmung im Vogel-Eldorado

Stell Dich doch am Anfang einmal vor. Wer bist Du und was machst Du?
Mein Name ist Ruth Kruse, ich bin Bewohnerin der Hallig Nordstrandischmoor, bin aber auch noch Bürgermeisterin der Gemeinde Nordstrand und Nordstrandischmoor zusammen. Ich bin Vorsitzende der Biosphäre Halligen und hauptberuflich Rangerin beim Nationalparkamt.

Ich bin geboren auf der Hallig Nordstrandischmoor, bin hier aufgewachsen. Ich habe zwischenzeitlich auf dem Festland eine Ausbildung gemacht und bin dann wieder zurückgekommen und habe den elterlichen Hof übernommen. Wobei ich jetzt auch schon quasi die Seniorchefin bin. Mein Sohn hat den Betrieb von mir übernommen. Er ist auch schon wieder verheirate und hat fünf Kinder. Insgesamt kann man unsere Blutlinie seit 305 Jahren zurückverfolgen. So lang gibt es diese Familie auf der Hallig.

Kommt man nur über den Lorendamm auf die Hallig?
Diese Methode ist für die Einheimischen und für Bettengäste ist das die Be- und Entsorgung, die kommen also damit rüber. Wir holen auch so fast alles, was wir zum Leben brauchen über den Lorendamm. Tagesgäste kommen aber mit Ausflugsschiffen im Sommer hier rüber. Aber nur im Sommer, im Winter kommt hier keiner, dann sind wir wieder unter uns.

Wie sieht das Halligleben aus?

Nordstrandischmoor ist eine der einzigen Halligen, die keine Probleme mit dem demografischen Wandel hat. Wir haben hier drei Familien, in Großfamilien mit drei Generationen. Auf der Schule gehen fünf Kinder zur Schule.


Insgesamt leben hier auf der Hallig Nordstrandischmoor 24 Einwohner. Die Menschen leben davon das sie entweder beim Küstenschutz angestellt sind, sowie ich beim Nationalpark angestellt bin. Oder eben die Frauen, die immer noch traditionell zu Hause sind und sich  um die Kinder, aber vor allen Dingen auch um die Vermietung oder um die Gastronomie kümmern.

Es sind hier viele verschiedene Standbeine die man hat, weil von einem alleine kann man nicht existieren. Halligleben ist wunderschön und es ist total herrlich hier zu leben. Aber es ist leider auch immer ein bisschen teurer, weil man ein paar Sachen mehr braucht als auf dem Festland.

Nordstrandischmoor ist eine der einzigen Halligen, die keine Probleme mit dem demografischen Wandel hat. Wir haben hier drei Familien, in Großfamilien mit drei Generationen. Auf der Schule gehen fünf Kinder zur Schule, wir haben einen Schüler in der Neunten, sechste Klasse ist vertreten, und dann haben wir eine Schülerin in der dritten und zwei in der zweiten Klasse. Und wir haben insgesamt noch vier nicht schulpflichtige Kinder.

Welche Probleme gibt es vielleicht?
Probleme ist das falsche Wort. Wir leben hier eben mit der Natur, wir leben mit dem Wasser. Wir haben hier auch Landwirtschaft, das heißt es gibt hier auch Schafe auf den Weiden und die Weiden werden alle im Rahmen eines Naturschutzprogrammes bewirtschaftet. Also alles im Rahmen dessen, dass wir eine vielfältige, bunte Salzwiese haben, einfach auch um den Artenreichtum hier zu erhalten und um einen großen Bereich für Brutmöglichkeiten zu geben. Es ist wirklich ein Eldorado für Vögel. Wir haben sehr viele Brutvögel hier. Wir sind hier wirklich so ein kleines Paradies, so seh‘ ich das jedenfalls.

Aber wir haben natürlich auch regelmäßige Überflutungen. Wir haben so Im Schnitt 40 bis 50 mal im Jahr Landunter. Und dieses Landunter brauchen wir auch ganz dringend, denn durch jede Überflutung kommt Sediment auf die Hallig. Durch dieses Sediment lagert sich die Hallig auf und wir haben die Möglichkeit stückchenweise zu wachsen.

Es ist wirklich ein Eldorado für Vögel. Wir haben sehr viele Brutvögel hier. Wir sind hier wirklich so ein kleines Paradies, so seh‘ ich das jedenfalls. Aber wir haben natürlich auch regelmäßige Überflutungen.

Foto © Barbara Dombrowski

Es gibt jetzt ein paar Forschungsprojekte, wo wir versuchen, eben mit kleinen Möglichkeiten die Sedimentation zu beschleunigen, mit Rohren oder anderen Geschichten. Das man einfach versucht, was ist gut, um diese Sedimentablagerung besser und schneller hinzukriegen. Denn wir haben den Anspruch schneller zu wachsen als der Meeresspiegel ansteigt. Ist vielleicht ein bisschen sportlich, aber zumindest haben wir diese Ambitionen noch.

Auf der Hallig selber funktioniert das eigentlich sehr gut. Wo wir massive Probleme haben, ist um die Hallig. Der Wattsockel reißt ab, wir habe sehr große Erosion.

Auf der Hallig selber funktioniert das eigentlich sehr gut. Wo wir massive Probleme haben, ist um die Hallig. Der Wattsockel reißt ab, wir habe sehr große Erosion. Das kommt daher, dass bei jeder Flut größere Mengen Wasser rein und raus laufen. Der Niedrigwasserpunkt und der Hochwasserpunkt sind eben höher geworden und dadurch kommen größere Mengen Wasser rein, deshalb gibt es eine höhere Ausräumung. Und je mehr Wattverlust wir an der Halligkante haben, desto mehr haben wir auch das Problem, dass wir höherer Wellen haben, das es bei Sturmflut höhere Wellen gibt.

Also das Ganze wird ungemütlicher. Da fehlt uns um Moment auch ein bisschen die Lösung, was man machen kann, damit das nicht auf Dauer so weitergeht.

Welche Projekte für den Küstenschutz werden schon umgesetzt?
Es gibt drei Pilotprojekte vom Küstenschutz, und unseres ist eins davon. Das ist ein Pilotprojekt wo man versucht hat eine Warft anzuschütten und auch zu erhöhen. Um zu gucken, dass wird die Warften so hinstellen, dass sie auch für die nächsten 100 Jahre gut sind. Wir haben jetzt also tatsächlich eine angeschüttete Warft bekommen, die ist insgesamt 2,5 Meter höher als die alte Warft. Auf diese Warft ist nun auch von meinem Sohn ein neuer landwirtschaftlicher Betrieb raufgebaut worden. Der ist jetzt bei einer Sturmflut 2,5 Meter höher, als das alte Haus.

Letzten Winter im Februar hatten wir hier eine Sturmflut. Wenn das hier so richtig hoch über die Hallig kommt, ist das natürlich schon ein sehr schönes Gefühl, dass man drüben ein höheres Haus hat, wo man sich bei einer extremen Sturmflut hin retten kann.

Wir müssen Kleinigkeiten machen dürfen und nicht immer an irgendwelchen Gesetzen landen, wo jemand sagt: „Das geht nicht“. Dieses „Geht nicht“ ist ein ganz schlechter Partner beim Klimawandel.

Welche Rolle spielt der Klimawandel für Dich? Fühlst Du Deine Existenz auf der Hallig durch den Klimawandel bedroht?
Ich gehe davon aus, dass wir unsere Heimat nicht verlassen müssen. Wenn ich davon ausginge, dass ich das machen sollte, wäre das eine ganz blöde Situation. Der Klimaanstieg macht mir nicht so viel Angst, wie die Menschen, die sich da nicht mit beschäftigen. Ich habe mehr Angst vor der Menschheit, die einfach überhaupt nicht realisiert, dass wir fünf nach zwölf haben und dass wir uns da auch mit kleinen und guten Projekten beschäftigen müssen und nicht immer versuchen, die große Welt zu ändern. Wir müssen Kleinigkeiten machen dürfen und nicht immer an irgendwelchen Gesetzen landen, wo jemand sagt: „Das geht nicht“. Dieses „Geht nicht“ ist ein ganz schlechter Partner beim Klimawandel.

WEITERLESEN:
https://www.norderwarft.de/

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 28.07.2021. Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.