Sven Koschinski

Meeresbiologe mit Schwerpunkt Unterwasserlärm, Munition im Meer und Meeressäuger, Kiel

>>Wir haben einen langen Atem gebraucht, um das Thema Munition im Meer überhaupt voran zu bringen. Mittlerweile ist das Thema in der Politik so bekannt, dass niemand mehr ernsthaft behauptet, die Munition sollte man besser im Meer lassen, weil es da am wenigstens anrichten würde. <<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Sven Koschinski zu den Gefahren von Unterwasserschall und Munitionsresten, der Schallbelastung in der Nord- und Ostsee und der menschlichen Rolle dabei zu sagen hat:

Meeresmenschen-Talk mit Sven Koschinski: Anwalt der Meeressäuger

Wer bist Du und was machst Du?
Mein Name ist Sven Koschinski. Ich bin Meeresbiologe und ich verfolge als Schwerpunkt Unterwasserschall und die Auswirkungen auf Meeressäuger.

Welche Meeressäuger haben vor allem ein Problem mit Lärmverschmutzung?
Zu den Meeressäugern gehören die Schweinswale, die vor unserer Küste hier leben und gegenüber Unterwasserschall recht empfindlich sind. Die Wale betreiben ähnlich wie Fledermäuse Echoortung mit sehr hohen Frequenzen (um  die 140 Kilohertz), das macht Schweinwale in Bezug auf Unterwasserlärm besonders anfällig.

Wie entwickelt sich die Lärmbelästigung in unseren Meeren?
Unsere Meere werden immer lauter. Allein durch die Nutzung der Offshore Gebiete für die Windkraft werden in naher Zukunft viele Bauarbeiten stattfinden, Fundamente werden mit sehr hohen Schalldrücken gerammt. Impulsschall tritt auch beim Aufsuchen von Erdöl- und Erdgas Lagerstätten mit Seismik auf. Oder wenn man Kohlenstoffdioxid einlagern möchte im Erdboden, dann werden diese Lagerstätten auch mit Seismik gesucht.

Es gibt immer mehr Schiffe, die Schiffe werden lauter, die Schiffe werden größer. Auch im Freizeitbereich gibt es immer mehr schnellfahrende Motorboote, bei denen es bei den PS-Zahlen keine Grenzen zu geben scheint.

Man muss sich vor Augen halten, dass es sowohl in der Ostsee, als auch in der Nordsee keine ruhigen Zonen mehr gibt. Es ist überall eine Nutzung da. Schiffsschall breitet sich sehr weit aus, es ist praktisch ständig ein Hintergrundgeräusch vorhanden.

Und ganz besonders schädlich für die Meeresumwelt sind Unterwassersprengungen. Das tritt besonders beim Bau von Windparks, bei der Verlegung von Kabeln und Pipelines oder bei Sprengung von Alt-Munition auf. Wenn man Alt-Munition aus dem Zweiten Weltkrieg findet, wird diese in der Regel mit einer Sprengung entsorgt. Bei so einer Sprengungen entstehen Schalldrücke, dass davon ein Schweinswal noch in zehn Kilometer Entfernung taub werden kann oder sogar tot gesprengt wird.

Durch diese Explosionsdrücke entstehen große Kräfte in den Geweben. Zum Beispiel in den Grenzgeweben an Flächen zwischen Körperflüssigkeiten und Luft. Also die Lunge ist besonders betroffen, bei Fischen die Schwimmblase oder auch der Darm indem durch die Verdauung Gas eingelagert ist. Da kommt es dann zu Gewebsrissen, zu Verletzungen im Gehör. Das ist alles sehr tragisch.

Wie sieht es konkret in den deutschen Meeren aus?
Man muss sich vor Auge halten, dass es sowohl in der Ostsee, als auch in der Nordsee keine ruhigen Zonen mehr gibt. Es ist überall eine Nutzung da. Schiffsschall breitet sich sehr weit aus, es ist praktisch ständig ein Hintergrundgeräusch vorhanden.

In der Nähe von Schifffahrtsstraßen natürlich lauter als in größeren Entfernungen, näher zur Küste hat man dann den Schall von Wassersportfahrzeugen und schließlich noch die Bauarbeiten, die hinzukommen. Neue Windparks bringen wieder neuen Verkehr mit sich, es gibt dann Wartungsfahrzeuge, schnell fahrende Crewtransportschiffe, die zusätzlich noch eine Gefährdung wegen Kollisionsrisiko darstellen.

Ruhige Bereiche in der Ostsee zu finden ist extrem schwierig, der einzige Bereich in der deutschen Ostsee ist eigentlich die Oderbank. Jedoch wird auch dort intensiv Fischerei betrieben. Schleppnetzten werde über den Grund gezogen, die Fahrzeuge machen Lärm, jedes Schiff, was herumfährt, hat ein Echolot, was wiederum auch sehr laute Schalldrücke im Ultraschallbereich macht. Wir hören das nicht, aber der Schweinswal hört das sehr gut.

Das ist ein ständiges Störpotenzial. Bestimmte Geräusche überdecken Schall, das ist dann ähnlich als wenn man in einem Restaurant sitzt, wo alle durcheinander reden und man hat eine Hintergrundschallkulisse, gegen die man immer lauter anreden muss.

So ähnlich muss man sich das auch im Meer vorstellen. Die Hintergrundschallkulisse bewirkt, dass Tiere in ihrem Kommunikationsradius eingeschränkt sind, das heißt sie hören Artgenossen nicht mehr auf so große Entfernung wie das früher der Fall war.

Wenn ein Dorsch zum Beispiel in der Paarungszeit einen Partner sucht, unterhalten diese sich auch mit tieffrequentem Schall. Bei ähnlichen Frequenzen strahlen Schiffsmotoren Schall ab und das beeinträchtigt alle Tiere, die sich mit Schall orientieren oder kommunizieren.

Was ist mit der Munition im Meer?
Das Problem ist, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viel Munition übrighatte, und nicht wusste, wohin damit. Zu der damaligen Zeit entschloss man sich diese Munition ins Meer zu werfen, und dachte, dass sie so keinen Schaden anrichtet. Aus der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges mag das vielleicht auch verständlich gewesen sein, heute aber weiß man es besser und man weiß, was Munition führ Schäden im Meer anrichtet.

Die Inhaltsstoffe von Munition sind hochgiftig, akut toxisch, erbgutschädigend und krebserregend. Muscheln und andere filtrierende Organismen nehmen diese Stoffe auf, so gelangen diese Stoffe in die Nahrungskette. Weil die Munitionsmengen, die in der Nord- und Ostsee entsorgt wurden, so immens sind, deutet sich ein großes Problem an, welches zukünftig auf uns zukommt.

Die Munitionshüllen sind teilweise fast aufgelöst und fast vollständig durchgerostet. In anderen Fällen wiederum, wo die Munition im Schlamm steckt, sind die Munitionshüllen noch wie neu. Man kann da also keine generellen Aussagen machen. Die Inhaltsstoffe von Munition sind hochgiftig, akut toxisch, erbgutschädigend und krebserregend. Muscheln und andere filtrierende Organismen nehmen diese Stoffe auf, so gelangen diese Stoffe in die Nahrungskette.

Foto © Barbara Dombrowski

Weil die Munitionsmengen, die in der Nord- und Ostsee entsorgt wurden, so immens sind, deutet sich ein großes Problem an, welches zukünftig auf uns zukommt. Man hat die Ost- und Nordsee sehr stark vermint, damit die feindlichen Schiffe nicht in die eigenen Häfen fahren konnten. Die Feinde wiederum haben Minen geschmissen, damit die Schiffe ihre Heimathäfen nicht mehr anlaufen konnten.

Es ist nach dem Zweiten Weltkrieg zwar vieles geräumt und auch mit Sprengungen geräumt worden, aber es liegen auch noch immens viele Minen im Meer. Man geht davon aus, dass in der Ostsee noch weit über 100 000 Minen liegen, die man aktiv dort in Kriegshandlungen eingebracht hatte. Und zusätzlich hat man eben an bestimmten Punkten Munition von den Schiffen geschmissen und im Meer entsorgt.

Wie könnte diese Munition im Meer geborgen werden?
Die Politik hat das Thema Munitionsbergung ziemlich lange ignoriert. Ich erinnere mich, dass wir vom NABU aus das Thema vor etwa 15 Jahren aufgebracht haben, da im Bereich der Kieler Bucht in einem Versenkungsgebiet vor Heidkate circa 100 Minen gesprengt werden sollten.

Da wollte man überhaupt nicht mit uns sprechen. Man hat da so einen Umgang mit Munition gehabt und wollte sich da nicht von Naturschutzverbänden reinreden lassen. Wir haben einen langen Atem gebraucht, um dieses Thema überhaupt voran zu bringen. Mittlerweile ist das Thema in der Politik so bekannt, dass niemand mehr ernsthaft behauptet, die Munition sollte man besser im Meer lassen, weil sie da am wenigstens anrichten würde.

Man möchte nun Munition aus dem Meer bergen, jedoch ist das technisch eine sehr herausfordernde und teure Geschichte. Noch vor der letzten Bundestagswahl gab es bei den politischen Parteien einhellig die Meinung, eine Bergungsplattform entwickeln lassen zu wollen. Für dieses Vorhaben wurde nun Geld bewilligt, nur im deutlich geringeren Umfang als zunächst erwartet.

Meine Sorge ist, dass man mit zu wenig Geld etwas macht, wo man dann merkt, dass es nicht funktioniert und weil es nicht funktioniert, wird es verworfen. Wenn ich das Problem ernsthaft angehen möchte, muss ich auch dafür sorgen, dass die technischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden und nachher ein funktionierendes System entwickelt wird, wo zum Beispiel mit Robotern Munition geborgen, auseinander geschnitten und auf einer Plattform direkt verbrannt wird. Denn Transporte sind nämlich auch sehr riskant.

Früher war immer das Argument, weshalb man Munition im Meer sprengen muss, dass man die geborgene Munition nicht über die Autobahn durch den Elbtunnel bringen könne, nach Munster, wo es die einzige Munitionssprenganlage in Deutschland gibt. Und heute sagt man, Munster ist sowieso voll mit zu viel Munition, die wartet, entsorgt zu werden. Wenn wir da noch unsere Munition aus dem Meer bergen und dazu packen würden, würde sich das nicht in hundert Jahren sprengen lassen.

Das heißt, wir brauchen neue Beseitigungskapazitäten. Das ist der eigentliche „Flaschenhals“ bei diesem Thema Munition. Erst wenn diese Kapazitäten geschaffen sind, kann man ernsthaft daran denken, die Munition zu bergen und auch zu beseitigen.

Welche anderen Probleme siehst Du noch im Bereich Lärmbelästigung?
Ein anderes Problem, was wir von Naturschutzseite aus sehen, sind sehr schnell fahrende Schlauchboote. Es gibt Angebote in vielen Häfen, dass man in atemberaubender Geschwindigkeit übers Meer brausen und die Freiheit genießen kann. Es werden dort teilweise Schlauchboote eingesetzt, die 500 PS und mehr haben. Und die sind natürlich unheimlich laut, stören Meeressäugetiere und andere Meerestiere und stellen ein Kollisionsrisiko da.

Die Menschen müssen lernen, über die Konsequenzen ihres Handels nachzudenken. Oftmals wird nicht weiter nachgedacht. [ … ] Es liegt doch auf der Hand, dass in der Ostsee Tiere leben und eine Gefährdungssituation da ist.

In der Kieler Förde wissen wir, dass sich im Sommer in der Nähe der Häfen, von wo solche Schlauchboot-Touren angeboten werden, auch Schweinswalmütter mit ihren Kälbern aufhalten. Und gerade im Sommer werden diese Touren für Touristen und andere Gruppen angeboten. Ich glaube, dass viele Menschen, die bei so einer Tour mitfahren, gar nicht wissen, was sie dort anrichten.

Welche Lösungen kann man dem entgegensetzen?
Die Menschen müssen lernen, über die Konsequenzen ihres Handels nachzudenken. Oftmals wird nicht weiter nachgedacht. Man fällt auf so ein Werbeangebot einer solchen Bootstour rein, dass man die große Freiheit hat und mit 100 Sachen über die Ostsee braust und denkt nicht weiter drüber nach. Es liegt doch auf der Hand, dass in der Ostsee Tiere leben und eine Gefährdungssituation da ist. Es wird von den Naturschutzverbänden dementsprechend informiert, aber man muss sich diese Information natürlich beschaffen. Das ist manchmal unbequem, da man vielleicht Wahrheiten hört, die man nicht hören möchte.

WEITERLESEN:
https://schleswig-holstein.nabu.de/natur-und-landschaft/aktionen-und-projekte/munition-im-meer/fakten-hintergruende/18271.html

https://www.boell-sh.de/de/2021/09/01/2-staffel-ocean-five-podcast-munition-im-meer

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 20.08.2022. Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.