Katja Matthes

Direktorin des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

>>  CO2 Speicherung unter dem Meeresboden ist eine sehr umstrittene Strategie, weil die Leute Angst haben, was ich gut verstehen kann. Aber es wird nicht reichen, Seegraswiesen aufzuforsten und anzupflanzen, wir müssen einen ganzen Katalog an Optionen haben. Denn wir werden dieses 1,5 oder 2 Grad Ziel nicht schaffen. Oberstes Ziel muss immer sein, Treibhausgasemission zu reduzieren. Und ich möchte diese technischen Möglichkeiten nicht als Ausrede haben. <<

Meeresmenschen-Audios

Hört rein, was Katja Matthes zur Forschung des GEOMAR, zu CO2-Speicherung im Meer und den Pariser Klimazielen zu sagen hat:

Meeresmenschen-Talk Katja Matthes: Der Ozean als Verbündeter gegen die Klimakrise

Wer bist Du und was machst Du?
Mein Name ist Katja Matthes. Ich bin Direktorin vom Geomar Helmholz Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Das ist ein weltweit führendes Institut im Bereich Meeres- und Klimaforschung.  Meine Aufgabe als Direktorin ist es, dieses Institut in die Zukunft zu führen.

>> Der Ozean als Verbündeter im Kampf gegen die Klimakrise, ein zentrales Thema was wir haben. Der Ozean ist der größte Kohlenstoffspeicher und wir untersuchen, inwieweit der Ozean uns helfen kann, im Klimawandel vorwärtszukommen. <<

Unser Motto ist: Unsere Welt ist der Ozean. Wir sind in und auf dem Ozean unterwegs, wir versuchen ihn zu verstehen und zu entdecken. Es gibt noch ganz viele Dinge, die nicht verstanden sind. So sind beispielsweise nur acht Prozent des Meeresbodens erforscht, wir wissen eigentlich noch gar nicht, wie der Meeresboden aussieht. Da gibt es viele Berge und Täler, das ist sehr spannend. Bei jeder Expedition entdeckt man was Neues.

Auf der anderen Seite versuchen wir den Ozean zu schützen und nachhaltig zu nutzen. Der Ozean als Verbündeter im Kampf gegen die Klimakrise ein zentrales Thema, was wir haben. Der Ozean ist der größte Kohlenstoffspeicher und wir untersuchen, inwieweit der Ozean uns helfen kann im Klimawandel vorwärts zu kommen. Also wie kann der Ozean noch mehr CO2 aufnehmen? Wie können wir verhindern, dass sich Korallenriffe auflösen oder dass der Ozean versauert?

Es geht aber nicht nur um das CO2 als Abfall aus der Atmosphäre, das CO2 aus der Atmosphäre ist dort am aller schlechtesten aufgehoben, wir müssen das irgendwie loswerden. Und eine Möglichkeit ist halt, den Ozean zu nutzen. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir uns das nächste Problem im Ozean schaffen. Das heißt, es geht auch darum, das wunderschöne marine Ökosystem aufrechtzuerhalten und zu schauen, dass man da sehr vorsichtig vorgeht.

>>Die Renaturierung von Küstenregionen und hier bei uns Seegraswiesen, oder in den Tropen Mangrovenwäldern, ist sehr wichtig. Nicht nur für die CO2 Aufnahmen, sondern für das gesamte Ökosystem. <<

Kannst Du etwas mehr über aktuelle Projekte erzählen?
Wir haben zum Beispiel ein großes Projekt im Rahmen der deutschen Allianz-Meeresforschung. Das ist ein Zusammenschluss von vielen verschiedenen Instituten aus Norddeutschland. Wir schauen uns dort an, welche Möglichkeiten es gibt, CO2 im Ozean zu speichern.

Ein Beispiel, welches hier bei uns in Schleswig-Holstein sehr prominent ist, ist das Seegras, die Seegraswiesen oder auch die Salzmarschen. Diese sind ein extrem guter CO2 Speicher, das heißt ein Quadratmeter Seegraswiese kann etwa 30- bis 40- mal so viel CO2 aufnehmen wie ein Quadratmeter Wald. Das ist also quasi eine Aufforstung unterwasser. Das ist eine Möglichkeit, eine natürliche Möglichkeit.

Die Renaturierung von Küstenregionen und hier bei uns Seegraswiesen, oder in den Tropen Mangrovenwäldern, ist sehr wichtig. Nicht nur für die CO2 Aufnahmen, sondern für das gesamte Ökosystem.

Ein weiteres Beispiel für unsere aktuellen Untersuchungen ist, ob man die Ozeanversauerung durch das Einbringen von Gesteinsmehlen verlangsamen kann und damit die Auflösung von Korallenriffen verhindern.

Das kann man sich so vorstellen: Der Ozean nimmt CO2 auf. Und CO2 und Wasser bilden zusammen Kohlensäure, das sagt schon der Name. Das heißt, alle kalkschalenbildenden Lebewesen wie Muscheln oder eben Korallen lösen sich auf, beginnen Löcher zu bilden. Und um das zu verhindern, kann man zum Beispiel Kalkstein- oder Sandsteinmehl einstreuen. Das schauen wir uns gerade an. Und das darf aber natürlich nicht dazu führen, dass es wieder Probleme gibt, zum Beispiel dass weniger Licht einfällt und so weiter. Das wäre ein Eingriff.

Eine andere Möglichkeit wäre es, dass man CO2 aus der Atmosphäre direkt entfernt, verflüssigt und unter dem Meeresboden speichert. Auch hierzu haben wir verschiedene Projekte. In Norwegen wird diese Technologie schon seit 25 Jahren betrieben. Also ist es keine Hochrisiko-Technologie. Man muss sich die Chancen und Risiken dieser Technologie einfach ansehen.

Welche Erkenntnisse gibt es bisher über diese Methode der CO2 Speicherung?
Wir haben seit fast zehn Jahren Forschungsprojekte dazu. Wenn man das unter dem Meeresboden macht, muss man sich das natürlich genau ansehen: Kommt das CO2 da nicht wieder raus? Führt das technische Einbringen von CO2 nicht zu Lärm? Was für Folgen hat es für das Ökosystem?

Die bisherigen Studien zeigen, dass das eine sehr sichere Variante ist, um CO2 zu speichern. Das ist ein bisschen anders als auf dem Land, wo die Fläche ja sehr begrenzt ist. Es gibt in der deutschen Nordsee viele Gebiete, die man nutzen könnte. Man kann beispielsweise auch alte Erdgas und Erdöllagerstätten nutzen. Es ist eine sehr umstrittene Strategie, weil die Leute Angst haben, was ich gut verstehen kann. Aber es wird nicht reichen, Seegraswiesen aufzuforsten und anzupflanzen, wir müssen einen ganzen Katalog an Optionen haben. Denn wir werden dieses 1,5 oder 2 Grad Ziel nicht schaffen. Oberstes Ziel muss immer sein, Treibhausgasemission zu reduzieren. Und ich möchte diese technischen Möglichkeiten nicht als Ausrede haben.

Aber es muss klar sein, es wird nicht vermeidbare Emissionen geben. Zementindustrie, Chemieindustrie oder andere Emissionen wie Müllverbrennung und so weiter – da müssen wir zusehen, dass wir an diese großen Emittenten rangehen und CO2 verflüssigen und mit Schiffen und Pipelines dorthin transportieren, wo wir es sicher verstauen können.

Auch der Bericht des Weltklimarates besagt, dass wir ohne solche technischen Methoden nicht weiterkommen. Wir haben eine Road Map für Deutschland gemacht: Wie können wir klimaneutral werden? Das Klimaschutzgesetz wurde ja gerade von der Bundesregierung geändert, das heißt, Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden, Schleswig-Holstein sogar etwas eher.

Wir wissen genau welche Emissions-Faktoren im Verkehrssektor, in der Industrie oder Landnutzung reduziert werden können, aber die verbleibenden zehn Prozent Emissionen werden wir nicht vermeiden können. Naturbasierte Lösungen wie Wälder, Moore und Seegraswiesen werden uns bei vielleicht 20 -30 Prozent der Emissionen helfen. Wir müssen im Jahr 2040 in Deutschland 50 bis 70 Millionen Tonnen CO2 kompensieren.

>> Es muss klar sein, es wird nicht vermeidbare Emissionen geben. Zementindustrie, Chemieindustrie oder andere Emissionen wie Müllverbrennung und so weiter – da müssen wir zusehen, dass wir an diese großen Emittenten rangehen und CO2  verflüssigen und mit Schiffen und Pipelines dorthin transportieren, wo wir es sicher verstauen können. Auch der Bericht des Weltklimarates besagt, dass wir ohne solche technischen Methoden nicht weiterkommen. <<

Welche Potenziale siehst Du in der technisch basierten CO2 Kompensation?
Der größte Teil der verbleibenden Emissionen muss über technische Lösungen abtransportiert werden. Denn Zementindustrie und Chemieindustrie wird man nicht vermeiden können. Den Verkehrssektor hingegen kann man gut runterfahren. Wobei sich der Verkehrssektor am wenigsten bewegt hat und wir verfehlen die Klimaziele.

Auch im Gebäudesektor, in der Wärmedämmung von Gebäuden, sind große Dinge zu tun.  Aber ich möchte dem Ganzen auch eine positive Wendung geben: Natürlich müssen wir uns als Gesellschaft umstellen. Und dies zu tun ist eine riesen Chance. Die technischen Lösungen dürfen keine Entschuldigung sein und nicht verhindern, dass wir die Verkehrswende und die Energiewende hinbekommen.

Welche anderen Forschungsschwerpunkte verfolgt das GEOMAR?
Für uns geht es auch um das Marine Ökosystem und Biochemische Kreisläufe. Da geht es darum, das marine Ökosystem zu verstehen und zu erhalten. Und das spielt dann wieder rein in die Forschungen zu Eingriffen, wie die mit dem Gesteinsmehl.

Ein weiterer großer Schwerpunkt sind Naturgefahren und Ressourcen aus dem Meer, mit denen wir uns am GEOMAR beschäftigen. Naturgefahren wie Vulkanausbrüche  an Land aber auch unterirdisch, das haben wir gerade im Pazifik mit dem Tonga Vulkan gesehen. Dann schauen wir, wie man hierfür Warnsysteme entwickeln kann oder auch was für Auswirkungen solche Ereignisse auf die marinen Ökosysteme haben.

Also wir haben Ozean und Klima, das marine Ökosystem und Naturgefahren und Ressourcen aus dem Meer. Unsere Aufgabe ist es, das Verständnis wissenschaftlich zu bewerten: Wo stehen wir, wenn es zum Beispiel um Tiefseebergbau geht? Wie sind die Umweltauswirkungen? Damit stellen wir der Politik und der Gesellschaft Wissen zur Verfügung, damit diese handeln können bzw. im Falle der Politiker daraufhin Gesetze und Rahmenbedingungen beschließen können. Das ist unsere Aufgabe und das machen wir international mit verschiedenen Partnern.

Zurzeit haben wir die UN-Ozeandekade für nachhaltige Entwicklung, wo der Ozean auch international auf der Agenda angekommen ist im Bereich der Klimapolitik. Das ist großartig, das ist wirklich neu. Das hatten wir vor drei Jahren noch nicht. Hier haben wir eine unglaubliche Chance mit unserer Forschung zum nachhaltigen Schutz des Ozeans, des Klimas, ja der Erde beizutragen.

>> Ich sage immer, die Ostsee ist eine Zeitmaschine für den Klimawandel. In der Ostsee beobachten wir einen Temperaturanstieg von zwei bis drei Grad, in den Weltmeeren haben wir nur ungefähr einen Grad. Dadurch dass die Ostsee so flach ist, geht das hier unheimlich schnell. Erwärmung, Versauerung, Sauerstoffverlust, den Fischen geht die Luft aus…!<<

Welche Bestrebungen hat Eure Forschung speziell hier in der Ostsee?
Da wollen und können wir einen tollen Beitrag leisten. Für die meisten Menschen ist das Meer ein schöner Ort, wo man Urlaub machen kann. Aber man sieht einfach gar nicht, was für Auswirkungen der Klimawandel im Meer schon hat. Das sichtbar zu machen und zu zeigen, was im Meer passiert, welche spannenden Dinge es da noch gibt, gehört zu unseren Aufgaben.

Ich sage immer, die Ostsee ist eine Zeitmaschine für den Klimawandel. In der Ostsee beobachten wir einen Temperaturanstieg von zwei bis drei Grad, in den Weltmeeren haben wir nur ungefähr einen Grad. Dadurch dass die Ostsee so flach ist, geht das hier unheimlich schnell. Erwärmung, Versauerung, Sauerstoffverlust, den Fischen geht die Luft aus…!

Die Größe der Dorsche, der mittlere Durchschnitt, ist um die Hälfte gesunken. Die Dorsche waren vor 25 Jahren durchschnittlich ungefähr 40 bis 50 Zentimeter groß, jetzt sind sie nur noch 20 bis 25 Zentimeter groß. Und das liegt nicht an der Fischerei, sondern am Klimawandel. Und wir können diesen Zusammenhang nachweisen. Es gibt nur noch ein Laichgebiet, im Bornholmbecken in der westlichen Ostsee.

Wir haben mit den lokalen Fischern hier vor Ort zusammengearbeitet, die sehen das auch. Dorsche brauchen einfach vier Jahre bis sie sich wieder erholen und dann eine neue Population bilden können. Wir können im Moment keinen Dorsch fangen, auch keinen Hering. Dorsch und Hering sind wirklich bedroht.

>> Ich möchte noch ein Fünkchen Hoffnung behalten. Aber die Zeit rennt und die nächsten acht Jahre bis 2030 sind tatsächlich entscheidend.<<

Schaffen wir es, die Pariser Klimaziele zu erreichen?
Ich möchte noch ein Fünkchen Hoffnung behalten. Aber die Zeit rennt und die nächsten acht Jahre bis 2030 sind tatsächlich entscheidend. Wir haben einen ganzen Instrumentenkasten im Ozean, da muss aber noch viel Forschung betrieben werden, bis diese Lösungen dann wirklich so sind, dass man genau weiß, welche Risiken man eingeht. Da liegt noch ein ganzes Stück vor uns, deswegen müssen wir jetzt anfangen!

WEITERLESEN:
www.geomar.de

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 12.08.2022. Zur besseren Lesbarkeit wurde das Interview teilweise gekürzt, strukturiert und redigiert.