Wir brauchen radikale politische Prozesse – Rückblick Ocean Summit Podium Klimawandel und Migration 21.08.2020

Die Video-Aufzeichnung der hier besprochenen Veranstaltung “Migration und Klimawandel” ist ab sofort Teil der Ocean Summit Mediathek bei Vimeo – und zudem ganz unten in diesen Beitrag eingebettet. Im folgenden Beitrag findet Ihr eine schriftliche Zusammenfassung des Podiums, inklusive einiger weiterführender Links und Videos. Viel Spaß!

Das Ocean Summit Podium ging am 21. August im Kieler Kesselhaus und im Livestream in die zweite Runde. Zu dem Thema „Klimawandel und Migration“ setzten weitere namhafte Gäste mit spannenden Vorträgen und lebendigen Diskussionen neue Impulse für den Klima- und Meeresschutz. Live auf der Bühne durften wir die Künstlerin und Fotografin Barbara Dombrowski (Tropic Ice), die Kieler Humangeographin Prof. Dr. Silja Klepp und die Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/ Die Grünen Luise Amtsberg begrüßen, sowie die Moderatorin des Abends Ann-Kathrin Schröder. Zudem war Johannes Grün von Brot für die Welt der Podiumsdiskussion live zugeschaltet.

„Es sind bereits 20 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor den Folgen des Klimawandels und die Zahl soll sich in den nächsten 30 Jahren auf unglaubliche 200 Millionen erhöhen.“ Direkt zu Beginn des Abends macht Ann-Kathrin Schröder deutlich, welche unfassbaren Folgen und Auswirkungen der Klimawandel auf die Weltbevölkerung hat. Im Podium wurden vor allem verschiedene Ebenen der Handlungsfähigkeit, die Rolle der Politik und beleuchtet. Im Fokus standen besonders die Betroffenen in der Ferne, wie zum Beispiel die Bewohner des Inselstaates Kiribati im Pazifik, mit denen sich Barbara Dombrowski und Silja Klepp beschäftigt haben.

Ihr Projekt „Tropic Ice – Dialog between Places affected by Climate Change“, an dem sie seit 2010 intensiv arbeitet, und dessen Ergebnisse stellt Barbara Dombrowski in einem Einstiegsvortrag vor (Video Minute 04:20 bis 20:35). Ausdrucksstarke Bilder und Porträts von Menschen fünf verschiedener Kontinente zeigen die gelebte Wirklichkeit des Klimawandels in besonders betroffenen Regionen. Dombrowski erklärt, was sie mit ihren Bildern erreichen möchte: „Durch die Installationen möchte ich die Völker, die ich fotografiert habe, zu Botschaftern ihrer Regionen und Klimazonen und auch ihrer Kontinente machen. Ich schaffe dadurch eine Verknüpfung zwischen ihnen, verbinde ihre Lebensräume und schließe symbolisch den Kreis. Ich veranschauliche, dass alles mit allem zusammenhängt.“

Dombrowski betont die Wichtigkeit der Empathie von Menschen im globalen Norden, sich mit dem Klimawandel auseinander zu setzen. Sie möchte die Menschen hier vor Ort anregen, ihr Konsumverhalten zu hinterfragen und sich ihrer Verantwortung als Verbraucher zu stellen. Auf eine spätere Frage von Ann-Kathrin Schröder, ob sie dieses mit ihrem Projekt erreichen konnte, antwortete Barbara Dombrowski: „Ja. Ich kann tatsächlich sagen, es erreicht die Menschen. Gerade durch die Einfachheit, durch das Heruntergebrochene, das eigentlich jeder versteht, berührt es direkt.“

Im Anschluss an die visuelle Präsentation von Barbara Dombrowski ergänzte Silja Klepp mit einem Vortrag (Video Minute 23:20 bis 40:50) den theoretischen Hintergrund zum Thema Klimamigration. Mobilität von Menschen weltweit wird vor allem durch den anthropogenen Klimawandel verstärkt, aber auch durch heftigere und häufigere Stürme, Überflutungen, Dürren etc., welche in Zukunft stetig zunehmen werden. Klepp betonte, dass „die Zusammenhänge von Mobilität und Klimawandel extrem komplex sind“ und ging näher auf das Forschungsfeld Umweltmigration ein.

Silja Klepp zeigte auf, dass es unter den Forscher*innen viele Streitpunkte gibt, bei denen die Ansichten nicht einheitlich sind. So ließen sich kaum verlässliche Zahlen nennen, die Terminologie sei unklar (Umwelt-/Klimaflüchtling?) und auch gebe es keine globalen Ansätze, sondern eher regionale Politiken und Bottom-Up Prozesse. „Wichtig ist auch, dass Umwelt- und Klimamigration nicht von der Genfer Flüchtlingskonvention 1951 abgedeckt ist.“ 

Herausforderungen sieht Klepp vor allem darin, dass im Bereich der Forschung Konzepte und Begriffe transparenter gemacht und stärker hinterfragt werden müssen. Zudem finden soziale und kulturelle Folgen des Klimawandels oft nicht genug Berücksichtigung. Sie selbst hat zum Thema auf Kiribati geforscht und sieht den Staat „als Ikone für neue Ansätze von Migration, citizenship, Solidarität und post-nationalen Lösungen für das Anthropozän“.

Moderatorin Ann-Kathrin Schröder wandte sich anschließend mit der Absicht, „ein bisschen politischer zu werden“, an Luise Amtsberg. Ihre Frage: „Warum muss es uns gesellschaftlich und politisch tangieren, was weit entfernt passiert?“

Luise Amtsberg: „Die meisten würden vermuten, weil die Auswirkungen und (Klima-)Flucht uns auch berühren werden. Ich sage das ausdrücklich nicht, weil ich finde, man muss sich dem ganzen Thema anders nähern. Es ist oft eine gewisse Wut bei den Betroffenen da, dass sie unverschuldet in ihrer Situation sind und dass nicht erkannt wird, dass die Westliche Welt in der Verantwortung steht. Dass wir in der Verantwortung stehen, ist gar keine Frage. Das kann man emotional und politisch sofort beantworten, dass wir alle gefragt sind. Vor allem national gesehen können wir Einfluss nehmen, indem wir die Debatten setzen.“

Nach einem kurzen Bühnen-Besuch einer Biene, über die sich laut Amtsberg natürlich alle freuen sollten, gab Ann-Kathrin Schröder das Wort virtuell an Johannes Grün weiter. „Wie könnt Ihr bei Brot für die Welt auf die Politik einwirken?“

Johannes Grün: „Wir wollen den Leuten, die von der Klimakrise betroffen sind, nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine politische Stimme geben. Dafür qualifizieren wir zivilgesellschaftliche Organisationen weltweit, dass sie gegenüber ihren eigenen Regierungen so einen Diskurs verändern können. Mich stört das immer sehr, wenn ich lese, die Klimakrise sei eine Zukunftsfrage. Nein, die ist da seit zehn Jahren und eine schlimme Gegenwartsfrage. Und es hilft alles nichts, wenn es weiterhin Blockierer in diesem Prozess gibt.“

DEU, Deutschland, Berlin, 09.05..2016: Johannes Grün, Referatsleiter Wirtschaft und Umwelt; Abteilung Politik, Brot für die Welt
(Hermann Bredehorst / Brot für die Welt)

Grün betont, dass die Schuldfrage an der Klimakrise ganz deutlich zu beantworten sei, denn die Schuld liege bei uns. In weiteren Schritten sei vor allem Beharrlichkeit wichtig und das Deutlichmachen von Aspekten, an denen es politisch hakt. In diesem Zusammenhang verweist er auf das von Brot für die Welt herausgebrachte Discussion Paper „Non-Economic Loss And Damage“, in welchem viele Fallstudien zum Thema zu finden sind.

Aus dem Livestream-Chat folgte eine Frage an die Diskutant*innen: Wie kommen wir von den vielen Worten zum Handeln und was hindert uns eventuell daran?

Barbara Dombrowski sieht darin genau den Knackpunkt: „Wenn diese Diskussion immer nur auf der Ebene geführt wird: ,Die Politik muss. Die Europäische Union muss. Die Wissenschaft muss.‘ Dann ist das wunderbar entkoppelt von mir als Person. Wenn ich aber an der Supermarkttheke stehe und mich entscheide Fleisch aus der Massentierhaltung oder gar kein Fleisch zu kaufen, weil das Auswirkungen hat auf die ganze Welt. Dann habe ich damit eine Handlungsmöglichkeit.“

Silja Klepp unterstützt die Meinung ihrer Kollegin und ergänzt: „Ich denke, dass wir momentan auch die großen politischen Prozesse brauchen. Wir brauchen auch Verbote usw., weil uns die Zeit davon läuft. Ich glaube persönlich, es ist nicht fünf vor zwölf, es ist eher mindestens zwölf.“ Klepp sieht die Politik heute in einer noch größeren Verantwortung als noch vor einigen Jahrzehnten und betont die Wichtigkeit von radikalen Prozessen.

Johannes Grün beschäftigt die Frage, welche strukturpolitischen Weichenstellungen es gibt, die es ermöglichen, dass wir im Supermarkt Hähnchen kaufen können, das günstiger als Premium Katzenfutter ist oder dass wir für 40€ nach Barcelona fliegen können. „Ich finde es oft selbst schwierig, dieses Bewusstsein und die Gewichtung, was entscheidend in meinem persönlichen Handeln ist, zu entwickeln und zu erkennen.“

Eine weitere Zuschauer*innen-Frage geht auf das geplante Vorhaben Deutschlands im Umgang mit neuen Klimaflüchtlingen ein.

Luise Amtsberg hat darauf eine klare Antwort: „Es gibt derzeit keine Ansätze der Bundesregierung, Klimaflucht zu vermeiden oder dazu beizutragen. Was es braucht, ist eine internationale Bestrebung und Diskussion. Ich nehme nicht wahr, dass verstanden wird, was mit Fluchtursachen alles verbunden ist.

Ann-Kathrin Schröder fasste zusammen, was wir selber tun können: Druck aufbauen, Verantwortung über unser Handeln und unseren Konsum übernehmen, uns politisch organisieren und demokratisch Prozesse mit begleiten und unterstützen. Jede*r Einzelne*r kann etwas beitragen. Zudem erfragte sie zum Abschluss bei den Diskutant*innen persönliche Dringlichkeitsanträge:

Johannes Grün: Klimagerechtigkeit als Leitmotiv für politisches Handeln

Luise Amtsberg: Aufenthaltsrecht überarbeiten und mehr Aufnahmemöglichkeiten schaffen

Silja Klepp: Diskussionskultur aufrecht erhalten und solidarisch handeln

Barbara Dombrowski: Kohleausstiegsgesetz neu überdenken und früher aussteigen

Das Team vom Ocean Summit bedankt sich bei allen Beteiligten am Podium “Klimawandel und Migration” am 21. August 2020 – die hier gesammelten Impulse, werden Anreize für weitere Veranstaltungen bieten und zeigen: Klima- und Meeresschutz hat viele Facetten – jede von ihnen ist bedeutend.

Video: Klimawandel und Migration – Ocean Summit Podium 21. August 2020