Kiel – von der Stadt am Meer zur Meeresschutzstadt?

Kiel – von der Stadt am Meer zur Meeresschutzstadt?! Durch einen Beschluss der Kieler Ratsversammlung im Juni 2020 wurde Kiel, der Stadt am Meer, dieser vielversprechende Titel verliehen. Doch was bedeutet das eigentlich? Wurde Kiel hierdurch über Nacht zur Stadt, die alles tut, um die Meere zu schützen?

Wohl kaum. Der Beschluss der Ratsversammlung ist eher gleich zu sehen mit der Übergabe einer spannenden, gleichermaßen aber auch sehr komplexen und verantwortungsvollen Aufgabe an die Kieler Bürger*innen.  Kiel liegt am Meer. Dies ist ein Privileg. Die Entscheidung “Meeresschutzstadt” werden zu wollen, ist eine daran angeknüpfte, großartige Chance, die aber nicht mehr bleibt als eben diese, wenn wir nicht ins Handeln kommen.

Wie schaffen wir Kieler*innen es, gemeinsam mit Politik und Verwaltung, NGOs und Bildungseinrichtungen, dass “Meeresschutzstadt” nicht ein schön klingender Begriff ohne Mission bleibt, sondern auf allen Ebenen der Beteiligung mit Ideen, Taten und Verantwortung zum Leben erweckt wird,  gar unseren Alltag schrittweise verändert? Wie implementieren wir Meeresschutz in unser Leben in Kiel?

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Meereschutzstadt Kiel: Bestandteile und Dimensionen eines jungen Begriffes

In der folgenden Analyse hat euch Ocean Summit Praktikant und CAU-Politikstudent Erik Stoffer zusammen gefasst, wie es in Kiel im Jahr 2020 zum Beschluss zur Meeresschutzstadt kam, welche Ebenen hier bisher involviert wurden und welche Dimensionen die Ausgestalunge beeinflussen sollte bzw. könnte.

Kontext und politische Dimension

Als am 11.06.2020 die Fraktionen von SPD, Grünen und FDP einen gemeinsamen Antrag in der Kieler Ratsversammlung stellten, setzten sie damit den Begriff „Meeresschutzstadt“ auf die öffentliche Agenda. Eingebettet in den Kontext des Nachhaltigkeitsziels 14 „Leben unter Wasser“ der „Social Development Goals“ soll das Thema Meeresschutz in naher Zukunft vertieft und auf verschiedenen Ebenen angegangen werden. Zudem hebt auch der Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2021, der Kiel im September 2020 verliehen worden ist, den Meeresschutz als einen gewichtigen Aspekt der zukünftigen Nachhaltigkeitsstrategien hervor. Im Vergleich zum traditionsreichen Titel der Klimaschutzstadt fehlt dem Begriff Meeresschutzstadt allerdings bislang noch eine klare Definition und Zielsetzung. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden die Bestandteile und Dimensionen des noch jungen Begriffs zu sammeln und festzustellen inwiefern sich die Möglichkeit einer Schärfung des Begriffs ergibt.

In den Veröffentlichungen der Stadt Kiel zum Thema findet sich zunächst der Verweis auf oben genannten Ratsantrag, wobei eine Bündelung der „Kompetenzen, Institutionen und Akteure im Bereich Meeresschutz“ im Fokus steht. Als wichtige Bestandteile werden zivilgesellschaftliche Initiativen, Institutionen und Projekte genannt, die eine Verbindung zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bevölkerung herstellen. Mit dem „Meeresatlas 2017“ der Heinrich-Böll-Stiftung, der auf der UN Conference in New York vorgestellt worden ist, wurde das Thema Meeresschutz auch auf internationaler Ebene in den Fokus gerückt. Folglich besteht der Begriff Meeresschutzstadt zunächst aus dem Willen den Schutz des Meeres, durch Kooperation und Austausch in lokalen sowie in globalen Kontexten, zu fördern. Doch der Neologismus ist in weit mehr Sichtweisen aufzufassen, die sich je nach Standpunkt und Perspektive ändern können. Dementsprechend fallen auch die politischen Stellungnahmen und Statements unterschiedlich aus.

Aus dem Antrag „Kiel als Meeresschutzstadt weiterentwickeln“ gehen weitere Aspekte hervor. So heißt es die Stadt Kiel solle eine „Vorreiterrolle“ in den Themenbereichen des Meeresschutzes übernehmen. Dazu sind zahlreiche Maßnahmen aufgeführt, die das Thema vertiefen sollen. Die Maßnahmen befassen sich im Wesentlichen mit der Etablierung des Titels Meeresschutzstadt als ein touristisch und wirtschaftlich relevantes Label. Dazu wird die Förderung von Projekten und Vorhaben nahegelegt, die sich mit dem Thema Meer und Meeresschutz auseinandersetzen. Auch hier findet sich der Aspekt der Vernetzung wieder, der durch entsprechende Projekte vorangebracht werden soll. Die Inhalte sind von der SPD-Ratsfraktion, der FDP-Ratsfraktion und der Ratsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen gemeinsam vorgebracht worden und bilden somit die Haltungen der drei Fraktionen zum Vorhaben ab.

Die Haltung der CDU-Ratsfraktion lässt sich nur sehr unkonkret aus dem Ergebnishaushalt vom 04.12.2020 ableiten. Die Weiterentwicklung Kiels als Meeresschutzstadt soll im Bereich Wirtschaft durch die Gründung einer Stelle zur Koordination vorangebracht werden. Ein Hinweis darauf, dass dem Konzept noch keine substantielle Definition gegeben worden ist. Kritik gegenüber dem Antrag kam von der Linkspartei. „Praktische Schritte“ und „Konsequenzen“ würden dem Antrag fehlen, vielmehr sei nur eine „hübsche Fassade“ aufgebaut worden. Die Belastung für die Ostsee durch Kreuzfahrtschiffe, Militärmanöver und Feuerwerk stellten Themen dar, die konsequent diskutiert werden müssten, heißt es in der entsprechenden
Pressemitteilung.

Eine solche Kritik lässt sich auf zwei Arten interpretieren. Zunächst einmal durch Argumente, die aus der Parteiprogrammatik abzuleiten sind, wie etwa die Kritik an Flottenmanövern oder Feuerwerk. Diese Aspekte können in der Tat einen negativen Einfluss auf das Meer ausüben, sind allerdings in erster Linie parteispezifisch und somit nur bedingt geeignet, um die Ausformung des Begriffs Meeresschutzstadt zu fördern.
Die Kritik am Kreuzfahrtsektor, ist dabei weitaus schwerwiegender und muss spätestens in der Zielsetzung einer Meeresschutzstadt berücksichtigt werden.

Die politische Dimension des Begriffs Meeresschutzstadt bietet, wie oben gezeigt, einiges an Interpretationsspielraum. Hier wird deutlich, wie stark abhängig der Begriff von der jeweiligen Perspektive ist. Es lässt sich folglich festhalten, dass der Begriff von Seiten der politischen Akteure nur in Grundzügen erfasst worden ist. Von zentraler Bedeutung ist jedoch eine Kooperation von Akteuren, Institutionen und Projekten, die sich auf das Thema Meeresschutz fokussieren. Aus einer ökonomischen Perspektive ist der Begriff bereits weitaus deutlicher umrissen. Im Kontext des Tourismusentwicklungskonzeptes (TEK Kieler Förde 2030), das von der Lokalen Tourismus Organisation geplant wird, spielt der Begriff eine feste Rolle als eine Art Label.

Die ökonomische Dimension

In der Kurzfassung des TEK Berichts ist die Rede von einer „Standortbestimmung der Tourismusentwicklung“. Im Grunde also die Verankerung des wasserbezogenen Tourismus in künftigen Vorhaben. Meeresschutzstadt wird dabei als Ergänzung der Marke „Kiel.Sailing.City“ verstanden. Die LTO soll dabei als Dachorganisation fungieren, die „meereschutzbezogene Themen und Projekte mit fördeweiter Auswirkung“ fördert und vertritt.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten sind hierbei besonders die Aspekte der Wertschöpfung und Profilierungswirkung relevant. Wertschöpfung wird dadurch generiert, dass Attraktionen, Initiativen und Projekte gefördert werden, die das maritime Image der Stadt Kiel und des Umlands für Besucher*innen und Gäste erlebbar machen. Im Kern geht es dabei um die „Visualisierung“ der Themen Meer und Meeresschutz. Eine überregionale oder gar globale Profilierung soll durch ein „authentisches wertebezogenes Tourismuswachstum mit nachhaltiger Wirkung“ erfolgen. Die lokalen Maßnahmen sollen, dem Papier zufolge, eine ausgreifende Strahlkraft entwickeln.

Die LTO rechnet des Weiteren mit einer hohen Akzeptanz seitens der Bevölkerung, Besucher*innen, Unternehmen und weiterer Akteure. Deutlich wird an dieser Stelle, dass mit dem Titel der Meeresschutzstadt eine Zielsetzung verbunden worden ist, die auf eine ökonomische und touristische Art umgesetzt werden soll. Meeresschutz als ein touristisch-ökonomischen Label zu begreifen, bietet für die Entwicklung des Konzepts an sich Chancen aber auch Risiken. Akteure des Meeresschutzes können durch eine Einbettung in eine übergeordnete Organisation in mehrerlei Hinsicht profitieren. Koordination, Finanzierung und Durchführung zu zentralisieren würde für alle drei Bereiche Komplikationen abbauen, Zuständigkeiten klären und Interessen zusammenbringen. Es ergeben sich aber auch Risiken einer solchen Vorgehensweise, insbesondere in den Bereichen der Definition und der konsequenten Förderung des Meeresschutzes über ökonomische Interessen hinaus.

Bislang ist der Bereich „Meeresschutzstadt“ mit dem Zusatz „Arbeitstitel“ und den Stichpunkten „Marke/ Positionierung / Standpunkte“ versehen, was ein definitorisches Vakuum aufzeigt. Aus dem Papier geht ebenso wenig hervor, inwiefern die weiteren Maßnahmen des Konzepts der Tourismusorganisation, wie etwa die „Inwertsetzung der Fördeschifffahrt“, dem ökologischen Kern einer Meeresschutzstadt zuwiderlaufen. Glaubwürdigkeit und Legitimität könnten unter einer zu starken Fokussierung auf wirtschaftliche Gesichtspunkte erheblich leiden. Die ökonomische Dimension des Begriffs Meeresschutzstadt kann folglich ebenfalls keine ganzheitliche Definition liefern, da auch hier die Zuordnung und Benennung von Zielen und Strategien zum Meeresschutz fehlen. Festzuhalten ist, dass es gilt ökonomisch-touristische Zielsetzungen mit Zielen des Meeresschutzes zu verbinden und dabei Glaubwürdigkeit zu bewahren.

Die soziale Dimension

Aus einer gesellschaftlichen oder sozialen Perspektive rücken ebenjene Akteure in den Vordergrund, die in der politischen und ökonomischen Dimension die substanziellen Inhalte und Maßnahmen einer Meeresschutzstadt erarbeiten. Es lassen sich mehrere Gruppen zusammenfassen. Forschungseinrichtungen, wie etwa das Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung oder Forschungsgruppen aus dem universitären Bereich können mit wissenschaftlicher Expertise einen gewichtigen Beitrag zur Fundierung von Vorhaben des Meeresschutzes oder dem Aufzeigen von Missständen beitragen.

Bürgerinitiativen oder Arbeitsgruppen sowie einzelne Bürger*innen, die oftmals praktische Beiträge leisten, sind unverzichtbar für die konkrete Umsetzung von Maßnahmen. Projekte von Stiftungen oder politischen Institutionen nehmen durch die Förderung von Kooperation, Austausch und Informationsarbeit eine entscheidende Schnittstelle zwischen den Beteiligten ein. Unternehmen nehmen insbesondere auf die Durchführung einzelner Maßnahmen Einfluss, indem durch Personal- oder Finanzeinsatz Projekte realisierbar werden.

Auch jene Unternehmen oder Industriesparten, die einen negativen Einfluss auf das Meer ausüben sind hier zu berücksichtigen und dürfen nicht ignoriert werden. Die soziale Dimension umfasst folglich auch politische oder zivilgesellschaftliche Kritiker*innen, die einbezogen werden sollten. In Bezug auf eine Definition lässt sich sagen, dass der Titel Meeresschutzstadt in sozialen Kontexten ein (gewinnbringendes) Zusammenarbeiten aller Beteiligten des Meeresschutzes meint. Auch und gerade im Sinne einer sozial nachhaltigen Generationengerechtigkeit. Letztlich bedarf es des Zusammenspiels aller Beteiligten, um Maßnahmen erarbeiten und vor allem umsetzen zu können. Dabei gilt es zu beachten, dass bislang noch keine klare Richtung oder konkrete Zielsetzung für das Konzept besteht.

Fazit und Ausblick

Die betrachteten Dimensionen der neuen Bezeichnung für die Stadt Kiel sind als eine Auswahl zu verstehen, die dazu beitragen sollen eine initiale Vordefinition der Bezeichnung Meeresschutzstadt zu ermöglichen. Die Besprechung der Auswahl an ‚Dimensionen‘ der Thematik hat gezeigt, dass sich (noch) keine einheitliche Definition formulieren lässt. Wenn aber in den Kontext der Dimensionen gesetzt, kann eine Schärfung des Begriffs ‚Meeresschutzstadt‘ ausgemacht werden. Deutlich wird dies insbesondere in der ökonomischen und touristischen Betrachtungsweise sowie in den politischen Sichtweisen. Einige Kernelemente einer möglichen Definition lassen sich aber dennoch formulieren. Zentral wird es sein den Zusammenhang zwischen klimatischen Veränderungen und dem Meer bzw. dessen Ökosystemen herzustellen und deutlich zu machen. Daran anschließend sollten die Stressfaktoren für die Meeresumwelt und deren Ursachen beleuchtet werden.

Auf die lokalen Kontexte der Stadt Kiel bezogen, bedeutet dies eine umfassende Kooperation und Koordination der wesentlichen Akteure im Bereich Meeresschutz. Ergänzend dazu aber auch die Einbeziehung von Akteuren, die dem Meer in einer wie auch immer gearteten Form schaden. Dies ist ein Aspekt, der aus den bisherigen Veröffentlichungen zum Thema Meeresschutzstadt nicht hervorgeht und eine Schwachstelle darstellt. Ebenso verhält es sich mit der sehr ökonomischen Fokussierung der Mehrheit der politischen Entscheidungsträger*innen. Das Fehlen von Zielsetzungen und konkreten Maßnahmen, wird im Vergleich mit dem Titel Klimaschutzstadt deutlich, der an ebensolche gekoppelt ist.

Weitere mögliche Betrachtungswinkel sind ebenso denkbar. So ließe sich eine ökologische Dimension ausmachen, die sich mit den konkreten Anforderungen an eine Meeresschutzstadt auseinandersetzen könnte. Solche Anforderungen könnten in der Kommunikation mit bestimmten Akteuren liegen, die dem Meer bewusst oder unbewusst, vermeidbar oder unvermeidbar schaden. Konsequenzen sollten auch einschneidende Maßnahmen sein, die Entwicklungen hin zu besserem Meeresschutz langfristig und nachhaltig beeinflussen. Die Zukunft von Kiel als Meeresschutzstadt ist durch das Tourismuskonzept dem Namen nach gesichert, nun gilt es das Konzept mit Inhalt zu füllen. Zentral für die weitere Etablierung sollte die Verknüpfung mit klaren Zielen und Maßnahmen sein, die durch die Akteure des Meeresschutzes konstituiert werden sollten.

Von Erik Stoffer, Kiel im Februar 2021

QUELLEN:

Interfraktioneller Antrag vom 11.06.2020, https://www.fdpfraktion-kiel.de/files/Antraege/Antraege-2013/Antr%C3%A4ge%202019ff/Kiel%20als%20Meeresschutzstadt%20weiterentwickeln.pdf, 08.02.2021.

Nachhaltigkeitsziele der Europäischen Union von 2015:
https://www.un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals/

Veröffentlichung der Stadt Kiel zum Nachhaltigkeitsziel 14 „Leben unter Wasser“, https://www.kiel.de/de/kiel_zukunft/nachhaltigkeitsziele/leben_unter_wasser.php, 08.02.21.

Veröffentlichung CDU-Ratsfraktion, https://www.cdu-ratsfraktion-kiel.de/artikel/gestalten-der-krise, 08.02.21. CDU-Ratsfraktion Stellungnahme zum Ergebnishaushalt, S. 1

Pressemitteilung Die Linke vom 11.06.2020, https://fraktion.linke-kiel.de/2020/06/11/meeresschutz-beisst-sich-mit-kreuzfahrttourismus/, 08.02.21.

Kiel Marketing (2019): Regionales Tourismusentwicklungskonzept Kieler Förde 2030. Kurzfassung, https://www.kiel-marketing.de/fileadmin/media/Dateien/pdf/Tourismus/01112019_TEKKiFoe_Kurzfassung.pdf , 08.02.21.

Umweltbundesamt (2009): Klimawandel und marine Ökosysteme. Meeresschutz ist Klimaschutz, https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/3805.pdf, 08.02.2021