Meerspektive: Meeresschutzreferentin Stefanie Sudhaus

Hallo liebe Steffi, wie schön, dass du Zeit hast, um mit uns im Rahmen der Meerspektiven über deinen Beruf zu sprechen. Und dieser ist mehr Berufung denn Beruf, schließlich bist du nicht nur Gründungsmitglied vom Ocean Summit Kiel, sondern übst auch noch den spannenden Job der Meeresschutzreferentin beim BUND Schleswig-Holstein aus. Aber fangen wir ganz vorne an: Wie bist du zu diesem interessanten Job und dem BUND gekommen? Und was machst du eigentlich als Meeresschutzreferentin genau?
Zu meinem Job bin ich mit viel Glück und durch meine Vorerfahrungen gekommen. Gesucht wurde ein Projektmanager für ein deutsch-dänisches EU-Projekt, der gleichzeitig noch auf politischer Ebene zum Meeresschutz arbeiten sollte. Tatsächlich hatte man sich einen Mann gewünscht, weil es zu der Zeit nur Frauen in der Geschäftsstelle des BUND SH gab. Aber meine Chefin meinte: „Du warst einfach besser als die Konkurrenten.“

Seither bin ich für das Management verschiedener Projekte verantwortlich, versuche, auch wichtige politische Themen im Blick zu behalten und bei Gesprächen die Seite des Natur- und Umweltschutzes zu erklären und zu vertreten. Und natürlich vermittle ich gerne auch Meeresschutzthemen in der Umweltbildung, also zum Beispiel bei Vorträgen.

Kannst du uns etwas mehr über deinen Werdegang berichten? Welches Studium hast du absolviert und hast du vor deiner Tätigkeit für den BUND noch etwas anderes gemacht?
Ich habe in Kiel und Dänemark Biologie mit den Schwerpunkten Meeresbiologie, Meereschemie und Zoologie studiert und habe in Meeresbiologie auch mein Diplom abgelegt. Im Anschluss wollte ich erstmal in der Wissenschaft arbeiten und habe für das GEOMAR in einem deutsch-israelischen Projekt zu Klimaveränderung und Auswirkungen auf diazotrophe Bakterien geforscht, die sind besser als Blaualgen bekannt.

Diese Blaualgen sind wichtig, weil sie den Luftstickstoff als Nährstoff nutzen können, dadurch kommen sie auch in nährstoffarmen Bereichen der Meere vor und sind somit ein wichtiger Teil des Nahrungsnetzes. Ich war nicht nur viel im Labor, sondern auch auf Forschungsschiffen unterwegs, war mehrere Wochen in Israel und auf den Kap Verdischen Inseln. Das hat mir viel Spaß gemacht.

Und wie lief dann dein Weg aus der Wissenschaft zu einer NGO genau ab? Welche Bereiche musstest du dir ganz neu erarbeiten?

Irgendwann musste ich mich dann entscheiden: In der Wissenschaft bleiben und für den Doktortitel meine Koffer und die Familie einpacken und ins Ausland gehen. Das wollte ich nicht. Außerdem wurde mir seit dem Studium immer bewusster, wie mangelhaft Meeresschutz umgesetzt wird – auch in Deutschland. Ich wollte lieber die wissenschaftlichen Erkenntnisse vermitteln und mich für die Meere einsetzen. Da kam der Job beim BUND wie gerufen. Aber leicht war es nicht und die Anforderungen sind nach wie vor hoch.

>> Mir wurde seit dem Studium immer bewusster, wie mangelhaft Meeresschutz umgesetzt wird – auch in Deutschland. Ich wollte lieber die wissenschaftlichen Erkenntnisse vermitteln und mich für die Meere einsetzen. Da kam der Job beim BUND wie gerufen. <<

Denn Meeresschutz geht in viele verschiedene Bereiche und läuft auf vielen verschiedenen Ebenen ab. Und im Studium wurde leider überhaupt nichts über dieses Themenfeld vermittelt. Ich musste mich also komplett einarbeiten: was bedeutet HELCOM, OSPAR oder Baltic Sea Action Plan. Oder in verschiedene Themen: Ist Aquakultur gut oder schlecht? Was ist Eutrophierung? Dazu kamen neue Anforderungen wie Interviews geben, Pressemitteilungen schreiben, Vorträge halten oder Projektanträge schreiben. Langweilig wird mir auf jeden Fall nie.

Stefanie Sudhaus mit Jan Philipp Albrecht bei einer Ausstellungseröffnung von Barbara Dombrowski, Kiel August 2020

Und fiel dir der Wechsel in Richtung politisches Arbeiten leicht?
Sagen wir mal so: ich finde es interessant. Zu sehen, wie politische Vorgaben gemacht werden, auf was alles geachtet wird. Aber ich empfinde es oft auch als deprimierend, wenn Entscheidungen getroffen werden, die weit ab von dem liegen, was wissenschaftliche Erkenntnisse und Ratschläge nahelegen würden. Dann muss ich mich an kleinen Fortschritten festhalten und den Blick nach vorne richten, um nicht aufzugeben.

War es eigentlich schon immer dein Traum für eine NGO in Sachen Umwelt- und Meeresschutz einzutreten oder hat sich dieser Wunsch erst während Studium und Arbeit in der Wissenschaft gemeldet?
Ehrlich gesagt wusste ich lange gar nicht, was ich machen möchte. Erst als ich als Au-Pair-Mädchen ein Jahr in Kapstadt/Südafrika verbracht und dort tauchen gelernt habe, war mir klar: Meeresbiologie – das will ich machen. Dafür habe ich dann mit enormer Energie innerhalb von drei Monaten Französisch gelernt, bin nochmal ans Gymnasium gegangen und habe mein Abi nachgeholt.

>> Erst als ich als Au-Pair-Mädchen ein Jahr in Kapstadt/Südafrika verbracht und dort tauchen gelernt habe, war mir klar: Meeresbiologie – das will ich machen. Dafür habe ich dann mit enormer Energie innerhalb von drei Monaten Französisch gelernt, bin nochmal ans Gymnasium gegangen und habe mein Abi nachgeholt. <<

Während des Studiums hatte ich in Dänemark auch einen Wirtschaftskurs belegt und dort hörte ich erstmals davon, wie manche Firmen abwägen, wie lange sie gegen Naturschutzauflagen verstoßen und Strafen in Kauf nehmen, bevor sie die Auflagen umsetzen. Das hat mich geschockt und in mir den Wusch geweckt, etwas dagegen zu unternehmen.

Wie sieht ein „ganz normaler“ Arbeitstag für dich aus? Bei deinen vielen Projekten und Aufgaben klingt das eher nicht nach einem Standard-Arbeitsalltag, gibt es so einen vielleicht gar nicht für dich?
Kein Tag ist wie der andere. Morgens kämpfe ich mich immer erstmal durch einen Berg an Mails: Anfragen für gemeinsame Projekte, Projektverwaltungsfragen, Interviewanfragen, politische Angelegenheiten – alles bunt durcheinander. Seit Corona gibt es zudem eine Flut von Videokonferenzen und ich arbeite hart daran, deren Anzahl zu verringern. Dann kommen noch Aufgaben wie Abrechnungen machen, Berichte oder Projektanträge schreiben dazu. Schön finde ich es, wenn man mit anderen gemeinsam neue Ideen spinnt und dass man so viele verschiedene Menschen trifft.

Stefanie Sudhaus mit Mark Lenz vom GEOMAR. Beide gaben im Jahr 2020 gemeinsam Veranstaktungen zum Thema Mikroplastik.

Eins würde uns noch besonders interessieren: Was hat dich bisher am meisten herausgefordert als Meeresschutzreferentin? Und was war dein bisher schönstes, erfolgreichstes oder prägendstes Erlebnis während dieser Tätigkeit?
Das war eigentlich die Luftballonaktion. Anlässlich eines Weihnachtsmarktes sollten 500 Ballons in den Himmel steigen. Das sieht zwar toll aus, aber leider kommen die Ballons ja auch irgendwann wieder runter und sind dann für viele Tiere gefährlich, egal ob im Wasser oder an Land. Die Tiere verwechseln die Fetzen mit Nahrung und fressen sie. Dadurch verstopfen ihre Mägen. Oder sie erdrosseln sich an den Schnüren. Ein Irrglaube ist auch, dass Latexballons schnell abbaubar wären. Das stimmt leider nicht, auch sie verbleiben teilweise jahrelang in der freien Natur.

Durch den Einsatz und die Beteiligung sehr vieler Menschen wurde diese Aktion abgesagt und eine schöne Alternative gefunden. Prägend war für mich einerseits der erschreckend starke Hass, der mir dafür entgegenschlug. Auf den sozialen Medien, in Mails und auch in Hetznewslettern von Rechtsextremen. Gehalten und getragen hat mich in dieser Zeit nur der Zuspruch und die Unterstützung von noch viel mehr Menschen, die das Problem verstanden haben und auf meiner Seite standen.

>> Prägend war für mich einerseits der erschreckend starke Hass, der mir dafür (einer verhinderten Luftballonaktion) entgegenschlug in den sozialen Medien,Mails und auch in Hetznewslettern von Rechtsextremen. Gehalten und getragen hat mich in dieser Zeit nur der Zuspruch und die Unterstützung von noch viel mehr Menschen, die das Problem verstanden haben und auf meiner Seite standen. <<

Du hast nun einen der beliebten, aber raren Jobs im Umweltschutz ergattern könnten: Was ist dein Tipp, wie Schüler*innen und Student*innen den sprichwörtlichen Fuß in die Tür bekommen und sich etwa per Praktika oder ehrenamtlicher Tätigkeiten auf einen ähnlichen Werdegang vorbereiten können?
Es ist tatsächlich nicht leicht, im Umweltschutz einen Job zu bekommen. Denn die Umweltverbände sind für feste Stellen auf Mitgliedsbeiträge angewiesen, die reichen nur für wenige Arbeitsplätze. Die meisten Kolleg*innen sind über Projekte eingestellt, die dann nach einem, zwei oder drei Jahren wieder vorbei sind. Dann muss man nach einer neuen Finanzquelle suchen – wie in der Wissenschaft auch.

Wenn man hier wirklich einen Job möchte, ist es gut, sich vorher schonmal über Umwelt- und Naturschutz schlau gemacht zu haben, sich vielleicht auch schon irgendwo ehrenamtlich zu engagieren. Dann lernt man die Strukturen in den Organisationen kennen und kann Kontakte knüpfen. Das erleichtert dann auf jeden Fall den Einstieg. Auch Praktika sind in gleicher Weise hilfreich.

Und zu guter Letzt: Im Juni 2020 bist du als Zukunftsmacherin des Monats Juli 2020 von der Stadt Kiel gekürt worden: Was erhoffst du dir und kommenden Generationen von aktuellen Meeresschutzbestrebungen und wie kann jeder selbst schon heute etwas tun – besonders dann, wenn der Job vielleicht noch in weiter Ferne liegt?
Ich wünsche mir, dass die Menschen unsere Meere als das begreifen, was sie sind: ein einzigartiger, faszinierender Lebensraum, der bewahrt werden muss. Denn nur, wenn es den Meeren gut geht, können wir weiter die unzähligen Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die sie uns liefern:

Nahrung, Wärmeverteiler, Sauerstofflieferant, CO2-Speicher, Erholung, … Doch im Augenblick wird der Ozean missbraucht: Als gigantischer Mülleimer, als Lagerstätte für Alt-Munition, vergiftet mit Pestiziden, Chemikalien und ungeheuren Mengen an Nährstoffen und über jede Vernunft befischt.

>> Ich wünsche mir, dass die Menschen unsere Meere als das begreifen, was sie sind: ein einzigartiger, faszinierender Lebensraum, der bewahrt werden muss. Denn nur, wenn es den Meeren gut geht, können wir weiter die unzähligen Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die sie uns liefern: Nahrung, Wärmeverteiler, Sauerstofflieferant, CO2-Speicher, Erholung…<<

Ich hoffe, dass genügend Menschen aufstehen und sich gegen diesen Missbrauch einsetzen – mit einem Blick, der über das morgen hinaus weit in die Zukunft reicht. Und dafür kann sich jeder einsetzen:

Durch ein Leben mit weniger Müll, durch Druck auf die Politik für wichtige Schutzmaßnahmen, z.B. durch Petitionen und Demonstrationen, durch Kauf von Produkten die zumindest regional produziert wurden, durch den Verzicht oder die Reduktion von Fleisch und Fisch auf dem Speiseplan. Es muss niemand perfekt sein, aber zumindest sollte jeder mal schauen, wo er seinen Alltag nachhaltiger gestalten könnte. Wenn das jeder macht, sind wir schonmal ein gutes Stück weiter.

Vielen Dank, Steffi!

Ein Interview von Silja Blechschmidt

MEERESSCHUTZREFERENT*IN: DEIN JOB? DEINE INFOS!

Es gibt keinen festgeschriebenen Weg, auf dem man Meeresschutzreferent*in werden kann. Dennoch haben wir einige wissenswerte Infos für euch hier zusammengetragen:

Wer beschäftigt Meeresschutzreferent*innen?
Meeresschutzreferent*innen werden von Umweltschutzorganisationen und von Behörden beschäftigt. Der Beruf geht in den meisten Fällen auch mit einer räumlichen Nähe zum Meer einher.

Was müssen Meeresschutzreferent*innen können?
Als Meeresschutzreferent*in braucht du nicht nur fundiertes Wissen in mariner Ökologie oder marinem Naturschutz sondern noch weit mehr! Der NABU stellte bei einer Stellenausschreibung folgende Anforderungen an die Bewerber*innen:

  • Abgeschlossenes Studium mit einschlägigem Schwerpunkt in mariner Ökologie oder marinem Naturschutz
  • mehrjährige Berufs- oder Praxiserfahrung in internationaler und europäischer Meerespolitik bzw. im Meeresschutz
  • Kenntnisse in und Erfahrungen mit mariner Raumordnung und Landesplanung
  • Erfahrung mit ehrenamtlichem Engagement
  • Kontaktfreudigkeit und gute Kommunikationsfähigkeiten
  • Belastbarkeit, Flexibilität, Zuverlässigkeit, Lösungsorientiertheit und Teamfähigkeit
  • gute Ausdrucksfähigkeit auf Deutsch und Englisch
  • sicherer Umgang mit Office-Programmen und GIS-Anwendungen
  • Führerschein der Klasse B

Diese Anforderungen können sich von Institution zu Institution unterscheiden, aber eine Sache ist in diesem Job wohl immer ein Muss: Die Leidenschaft für das Meer!

Meeresschutz aber nicht als Referent*in?
Wer Lust hat im Meeresschutz zu arbeiten, findet auch in anderen Positionen  Anstellungsmöglichkeiten vor allem bei Naturschutzorganisationen wie BUND, NABU, WWF, DUH, Greenpeace oder Schutzstation Wattenmeer. Es gibt aber auch Stellen in Behörden und staatlichen Institutionen wie dem Umweltministerium, beim Landesamt für Landwirtschaft, Umweltschutz und ländliche Räume (LLUR), bei den Umweltschutzämtern oder auch beim Nationalpark Wattenmeer.