Videoreportage zu maritimen Ökosystemen und Landschaften im Küstenschutz an der Nordsee – frutti di mare

Wie kann man die Mehrwerte von maritimen Ökosystemen und Landschaften im Küstenschutz mitdenken? Dies wird im wissenschaftlichen Küstenschutzprojekt „Gute Küste Niedersachsen“ untersucht. Für das Wissensformat „frutti di mare“ hat Elias aus dem Ocean Summit Team Wissenschaftler*innen dieses Projekts in einem Reallabor im niedersächsischen Wattenmeer getroffen und sich Teile des Projekts zeigen lassen.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels, eines steigenden Meeresspiegels und der Zunahme von Extremwetterereignissen wird Küstenschutz auch in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Dies gilt auch für die deutsche Nord- und Ostseeküste. Neben Baumaßnahmen wie Deichen, Buhnen, Sandaufspühlungen oder Sperrwerken haben auch maritime Ökosysteme und Landschaften wie Salzwiesen, Seegraswiesen, Muschelbänke, (Korallen)riffe oder Mangrovenwälder wichtige Küstenschutzfunktionen. Darüberhinaus haben sie aber noch andere wichtige Mehrwerte, da sie Lebensraum für Vögel und Insekten bieten, die Artenvielfalt fördern sowie einen ästhetischen Wert und für viele Menschen einen Erholungsort darstellen.

Die verschiedenen Mehrwerte und die Küstenschutzfunktionen natürlicher Ökosysteme sollen in dem Projekt Gute Küste Niedersachsen in drei sogenannten Reallaboren untersucht werden. Jan-Michael Schönebeck, Doktorand an der Universität Hannover, setzt dabei auf Citizen Scientists, Menschen aus der Zivilgesellschaft, die in diesem Fall helfen, Daten zu sammeln. Dafür wurden im Langwarder Groden – einem Gebiet, das vor 90 Jahren eingedeicht wurde um landwirtschaftlich genutzt werden zu können, und das mittlerweile wieder renaturiert wurde – vier CoastSnap-Rahmen aufgebaut.

Ein Projektmitarbeiter macht ein Foto von einem der CoastSnap-Rahmen aus

Patrick, ein Mitarbeiter des Projekts macht ein Foto von einem der CoastSnap-Rahmen aus. Foto: © Vincent Köller

Bei dem CoastSnap-Rahmen handelt es sich um ein Metallgestell, auf das Spaziergänger*innen ihr Handy legen können, um aus einer ganz bestimmten Perspektive ein Foto der Umgebung machen zu können. Dieses Foto kann Jan-Michael Schönebeck und seinem Team per E-Mail oder Social-Media zur Verfügung gestellt werden. Durch das Zusammenbringen vieler Fotos des gleichen Ausschnitts, können die Wissenschaftler*innen dann herausfinden, wie sich beispielsweise der Priel und die Salzwiese vor Ort entwickeln.

Ein Priel im Langwarder Groden, das Bild wurde von einem CoastSnap-Rahmen gemacht.

Der fotografierte Priel sowie die Salzwiese. © Elias Tetzlaff

Die Bedeutung von Salzwiesen

Die Entwicklung und die Ausbreitung der Salzwiese zu untersuchen ist für die Wissenschaftler*innen spannend, weil Salzwiesen einen wichtigen Beitrag zum Küstenschutz leisten können und gleichzeitig wertvolle Ökosysteme darstellen. Zum einen hält das Wurzelwerk der Salzwiesen das Sediment an Ort und Stelle und schützt die Flächen zwischen Watt und Land so vor Erosion, also der Abtragung des Sediments.

Zum anderen bremsen Salzwiesen die ankommenden Wellen, wodurch beruhigte Zone entstehen, in denen sich das im Wasser treibende Sediment ablagern kann. Die Salzwiesen wachsen so in Höhe, wodurch das Land und die Bewohner*innen dahinter mehr vor hohen Fluten geschützt werden.

Zusätzlich sind Salzwiesen Lebensraum von spezialisierten Pflanzen- und Insektenarten und bieten auch Habitate für Vögel, die dort Brutplätze und Nahrung finden. Dadurch leisten Salzwiesen als Ökosysteme einen Beitrag zur Arten- und Biotopvielfalt. Außerdem sind Salzwiesen Kohlenstoffsenken, sie können also mehr Kohlenstoff aufnehmen als sie abgeben, und haben als maritime Landschaft auch einen touristischen Nutzen.

Deiche biodiverser gestalten

Wichtig zu sagen ist, dass maritime Ökosysteme wie die Salzwiese Bauwerke zum Küstenschutz nicht vollständig ersetzen können. Aber sie können eine sinnvolle Ergänzung sein, um bei der Gestaltung der Küsten nicht nur den Hochwasserschutz, sondern auch andere wichtige Faktoren wie einen ästhetischen Mehrwert oder die angesprochene Unterstützung der Artenvielfalt mitzudenken.

Am Langwarder Groden führt Jan-Michael Schönebeck dazu ein Experiment an einem Deich durch. Durch die Aussaat verschiedener Saatgutmischungen möchte er herausfinden, durch welche Pflanzenmischungen die Küstenschutzfunktion des Deiches erhalten, der Deich gleichzeitig aber biodiverser begrünt werden kann, um so Insekten mehr Nahrung zu bieten. Für seine Untersuchungen lässt er beispielsweise eine Drohne steigen, mit Hilfe derer er eine sogenannte Grünwertanalyse durchführt. Anhand dieser lässt sich feststellen, wie dicht die Pflanzen auf dem Deich wachsen, was wiederum wichtig für die Frage ist, ob die Vegetation dicht genug ist, um den Deich vor Erosionen durch Wind und Wasser zu schützen. Ob sich die Erkenntnisse dann auch auf andere Gebiete übertragen lassen, ist aber eine andere Frage. „Die Vision ist natürlich, dass man es in den großen Maßstab überträgt. Da würde es aber erstmal ein paar Zwischenschritte geben müssen. Man müsste sich das auf einer größeren Skala nochmal anschauen“, sagt Jan-Michael Schönebeck.

Eine Drohnenaufnahme des Deichs. Ein großer Teil ist normaler begrünt. Auf einem erkennbar weniger bewachsenen Teil wurde das Experiment-Saatgut ausgebracht.

Der Deich von oben, auf dem das Saatgut-Experiment durchgeführt wird. Auf einer Fläche von 12×30 Metern wurden zwei verschiedene Pflanzenmischungen ausgebracht. Foto: © Jan-Michael Schönebeck

Das bestätigt auch Geoökologin Maike Paul von der Universität Hannover: „Wir sind schon gut, wenn wir unsere Erkenntnisse auf andere Standorte in Niedersachsen übertragen können. Weil selbst die niedersächsische Küste nicht überall gleich ist.“ Sobald erste Ergebnisse feststellen sollen diese aber auch mit Kolleg*innen im Ausland diskutiert und an Entscheidungsträger*innen und Verantwortliche im Bereich Küstenschutz weitergegeben werden, um Handlungsempfehlungen zu geben.

Dem Projekt „Gute Küste Niedersachsen“ ist es dabei wichtig, mehrere Perspektiven gleichzeitig zu betrachten und die Herausforderung an der Küste ganzheitlich anzugehen. Dazu gehört auch, mit den Menschen vor Ort zusammenzukommen und sowohl die Vision von einer „guten Küste“ als auch den Weg dorthin gemeinsam zu entwickeln. Ein interessanter Ansatz, der sich mit Sicherheit auch auf andere Herausfoderungen an unseren Küsten übertragen lässt.

Den gesamten Film könnt ihr unter diesem Beitrag bei YouTube anschauen. Darin findet ihr auch Informationen zu anderen spannenden Ökosystemen und Landschaften, die weltweit eine Bedeutung für den Küstenschutz haben. Und bleibt gespannt, bald kommt noch mehr aus dem Projekt frutti di mare.

Text: Elias Tetzlaff